News aus Baden-Württemberg
Ruf nach Rücksicht: „Straßenwärter sind nicht vogelfrei!“

News aus Baden-Württemberg Ruf nach Rücksicht: „Straßenwärter sind nicht vogelfrei!“

Quelle: Jens Büttner/dpa
dpa

Der Arbeitsplatz der Straßenwärter ist ohnehin risikoreich. Sie arbeiten häufig bei fließendem Verkehr und beklagen eine zunehmende Rücksichtslosigkeit. Fahrer gingen nicht richtig vom Gas oder hielten zu wenig Abstand. Die Gewerkschaft berichten auch von «Urinbomben».

Sie tragen zu mehr Sicherheit im Straßenverkehr bei, geraten aber immer häufiger selbst in Gefahr. Straßenwärter sorgen mit Gehölzrückschnitten für gute Sicht, stopfen Schlaglöcher oder erneuern Markierungen – und werden trotzdem von rücksichtslosen Fahrern durch zu hohe Geschwindigkeiten und zu geringe Abstände zunehmend gefährdet oder sogar auch angegriffen.

Auf fehlende Rücksichtslosigkeit von Verkehrsteilnehmern wies jüngst das Landratsamt des Rhein-Neckar-Kreises eindringlich hin. «Wir Straßenwärter sind doch nicht vogelfrei!», zitierte es einen Mitarbeiter, den ein zu dicht fahrendes Auto mit dem Außenspiegel leicht touchiert hatte. «Egal ob Zeitdruck oder allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen – wir beobachten, dass die Rücksichtslosigkeit und Raserei in den letzten Jahren leider zugenommen hat», heißt es in der Mitteilung.

Statt zu bremsen und abzuwarten werde lieber versucht, sich trotz Gegenverkehrs noch am Kollegen vorbei zu quetschen, wie Vertreter der Straßenmeistereien demnach erzählten. «Wir haben alle Familie und wollen abends wieder gesund nach Hause kommen», verdeutlichten sie.

Nach Angaben der Fachgewerkschaft der Straßen- und Verkehrsbeschäftigten gibt es 23.000 Straßenwärter in Deutschland. Der Nachwuchsmangel sei enorm. «Bei dem geringen Gehalt will sich das keiner antun», erläuterte Bundesvorsitzender Hermann-Josef Siebigteroth. In jedem Land seien je rund 100 Stellen unbesetzt.

Siebigteroth kritisierte rücksichtsloses Rasen auf Autobahnen und Bundesstraßen. Es sei eine Illusion vieler Fahrer vor allem hochmotorisierter Limousinen und Lastwagen, mit halsbrecherischem Tempo signifikant schneller ihr Ziel erreichen zu wollen. «Wir haben einfach zu viele Fahrzeuge auf den Straßen in Ballungsräumen», stellte er fest. Der Straßenverkehr werde immer weniger überschaubar.

Autofahrer müssten sich den Straßenraum mit rasenden und oft unbeleuchteten Radlern, E-Scootern, E-Bikes, Vespas, Motorrädern und Fußgängern teilen und alles im Blick behalten. Wenn noch Baustellen und Umleitungen hinzukommen, führe die Reizüberflutung zu Verunsicherung und Aggression. Die Landesverkehrswacht spricht von einer Verkehrsintensivierung, die die Verkehrsteilnehmer überfordere.

Straßenwärter bekommen den Frust der Autofahrer hautnah zu spüren, wie die Fachgewerkschaft erklärte. Sie würden durchs Autofenster mit Obst aller Art beworfen – vor allem mit überreifen Bananen. Besonders eklig seien Wurfgeschosse aus Flaschen mit Urin, mit denen staugeplagte Lastwagenfahrer meinten, ihren Unmut ausdrücken zu müssen. «Das ist gängige Praxis», sagte Siebigteroth. «Vogelfrei» sei ein starkes Wort, aber es beschreibe auch genau die Verrohung im Verhalten gegenüber Menschen, die etwas für die Allgemeinheit tun.

Der Beamtenbund dbb pflichtete bei: Der Ton im Straßenverkehr werde im Allgemeinen rauer, die Gewaltbereitschaft höher und die Hemmschwelle niedriger. «Der Trend ist eindeutig», sagte Sprecher Frank Zitka. Das gelte nicht nur für Berufsgruppen wie die Polizei.

Die Fachgewerkschaft sieht Baustellenbereiche als besondere Gefahr für Beschäftigte. Überraschende Spurwechsel und Verengungen bei immer noch hohem Tempo führten zu Unfällen, bei denen Straßenwärter in Mitleidenschaft gezogen werden. Pro Jahr sind laut Siebigteroth bundesweit durchschnittlich drei tote Straßenwärter an Autobahnen zu beklagen. Straßenwärter hätten ein 13-fach höheres Risiko als andere Handwerker, während der Arbeit tödlich verletzt zu werden.

Die Vertreter des Rhein-Neckar-Kreises appellierten an alle Verkehrsteilnehmer, bei gefährlichen oder unübersichtlichen Situationen im wahrsten Sinne des Wortes einen Gang zurückzuschalten und zu bremsen. Durch die Straßenverkehrsordnung sehen sie ihr Anliegen untermauert. Diese besagt: «Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.»

Die Verkehrswacht rät Betroffenen zur Anzeige. Die Gefährdung des Straßenverkehrs sei kein Kavaliersdelikt, sondern ein grobes Vergehen. Werden Menschen gefährdet, müsse mit mindestens 60 Euro Bußgeld gerechnet werden, sagte Vize-Geschäftsführerin Viktoria Jerke. Die Fachgewerkschaft gibt zu bedenken, die Übergriffe passierten so schnell, dass Kennzeichen kaum notiert werden könnten.

 

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