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Terror aus dem Kinderzimmer: Was steckt hinter „Terrorgram“?

News Terror aus dem Kinderzimmer: Was steckt hinter „Terrorgram“?

Quelle: Marijan Murat/dpa
dpa

Eine Studie zeigt, wie sich meist minderjährige Jungen per Mausklick radikalisieren, Gewaltfantasien teilen und Anschläge planen. Experten warnen vor einer wachsenden, schwer kontrollierbaren Szene.

Sie verehren Massenmörder und teilen ihre eigenen Amokfantasien. Jugendliche verbreiten ihre oft rechtsextremistische Propaganda, 13-Jährige planen Anschläge auf ihre Schulen, junge Männer setzen Kinder unter Druck, damit sich diese selbst verletzen. Alles online, alle per Mausklick – und das meiste aus dem Kinderzimmer heraus.

Eine neue Studie zeigt die Abgründe dieser Online-Szene auf. Überaus gewaltbereite Jugendliche teilen in einem losen Netzwerk aus Chatgruppen und Kanälen etwa über den Messenger-Dienst Telegram Anschlagspläne und extremistische, oft sadistische, teils satanische Gewaltaufrufe. Der Untersuchung zufolge sind Hunderte deutscher Neonazis und andere in dieser sogenannten Terrorgram-Szene online miteinander vernetzt.

Was macht diese Szene aus?

Nach Angaben des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg handelt es sich um ein jugendlich geprägtes, gewaltbereites neofaschistisches und rechtsextremistisch beeinflusstes Netzwerk. Gemeinsam mit den Generalstaatsanwaltschaften Stuttgart und München hat das LKA mehr als drei Dutzend Fälle aus ganz Deutschland untersucht. Demnach wächst die gewaltverherrlichende Online-Struktur seit Jahren dynamisch und das Dunkelfeld ist groß.

Wer ist Teil von «Terrorgram»?

Die Anhänger sind laut Studie im Schnitt knapp über 16, einige sogar unter 14 Jahre alt – eine Altersgruppe, die noch keine festen Wertvorstellungen habe und daher besonders anfällig für extremistische Propaganda sei, sagte Daniel Köhler vom LKA-Kompetenzzentrum gegen Extremismus in Baden-Württemberg. Ausschließlich alle untersuchten Anhänger seien männlich – und litten unter «diagnostizierten psychischen Erkrankungen oder Auffälligkeiten».

Wie werden die jungen Menschen radikalisiert?

Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) spricht von «Blitzradikalisierungen», die in jedem zweiten Fall weniger als ein Jahr dauerten. «Die Szene radikalisiert sich oftmals unbemerkt in den Kinderzimmern unserer Wohnungen», so Strobl.

Die meisten seien Einzelgänger ohne sozialen Halt, von der Familie vernachlässigt. «Etwa die Hälfte von ihnen hat keinerlei Freunde oder Hobbys», sagt Köhler. «Diese Menschen bewegten sich nahezu ausschließlich in der virtuellen Welt.» Sie setzten darauf, dass niemand genau hinschaue. Daher komme dem sozialen Umfeld eine zentrale Funktion als Frühwarnsystem zu.

Und warum machen sie mit?

Psychisch angeschlagen und sozial teils isoliert, fühlen sich viele Kinder und Jugendliche diskriminiert, so die Experten. Sie kanalisieren ihre Wut gegen die Gesellschaft auch in den Chatgruppen der virtuellen Welt, in denen sie kaum auf Gegenstimmen treffen. Hier fühlen sie sich zugehörig, hier können sie anonym mit Gewaltfantasien Aufmerksamkeit erlangen, sich «wichtig» fühlen und ihre Ängste und Unsicherheiten ablegen.

Welches Ziel hat die «Terrorgram»-Szene?

Laut Studie will sie mit Gewalt Chaos auslösen und die gesellschaftliche Ordnung zum Einsturz bringen. Die Anhänger seien «äußerst gewalt- und terrorbereit». In ihren Chats und Propagandakanälen verherrlichen sie demnach vor allem rassistische und antisemitische Ideologien. Und sie rufen zu Anschlägen auf, oft gegen Minderheiten, staatliche Institutionen oder politische Gegner. Ziel sei es, Angst zu schüren und Nachahmer zu motivieren.

LKA-Präsident Andreas Stenger spricht von einer «Attentäter-Fan-Szene», die unter anderem in den Chatgruppen rechtsextreme Massenmörder wie etwa Anders Breivik verehre. Der Norweger hatte 2011 in Oslo und auf der Insel Utoya 77 Menschen ermordet. Kontakte zum Beispiel in die organisierte rechtsextremistische Szene gibt es nach LKA-Angaben aber nicht.

Wie konkret sind die Anschlagspläne?

Zum Teil sind die Pläne überaus weit fortgeschritten. Da hängt nicht nur eine Hakenkreuzfahne an der Wand, es liegen nicht nur Messer und Schusswaffe neben dem Kinderbett, sagt Staatsschutz-Exerte Köhler. Es gebe Manifeste mit konkreten Gewaltdarstellungen und im Computer bis auf den letzten Stuhl nachgebaute Klassenzimmer. «In den Vernehmungen wussten die Jugendlichen genau, wann sie das machen wollen, von wo aus sie den besten Schusswinkel haben und wo sich jemand in einer Ecke verstecken kann», sagt Köhler.

Geht es bei «Terrorgram» nur um Rechtsextremisten?

Nein, die Szene ist zwar klar vom Rechtsextremismus geprägt, ihre Ideologien sind jedoch oft weniger geschlossen, als es auf den ersten Blick scheint. «Die Ideologien verschwimmen», sagt Stenger. Verbindendes Element ist weniger eine Ideologie als die Faszination für extreme Gewalt, für Terror und gesellschaftlichen Zusammenbruch. Gewalt gilt vielen Anhängern als Selbstzweck und als Mittel, um Bedeutung zu erlangen.

Nach Angaben der Leitenden Oberstaatsanwältin Gabriele Tilmann aus München geht es grob auch um Fälle wie den aktuellen «White Tiger»-Prozess. Unter dem gleichnamigen Synonym soll ein 21-Jähriger als Mitglied einer kriminellen Chatgruppe im Internet massiven psychischen Druck auf Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 11 und 15 Jahren ausgeübt haben. Eines seiner Opfer soll er so in den Suizid getrieben haben.

Wie kommen die Studien-Ergebnisse zusammen?

Für die Auswertung wurden 37 Fälle untersucht. Nach Angaben von Innenminister Strobl ist es die weltweit erste kriminologische Untersuchung zur «Terrorgram»-Szene.

Warum spielt Telegram dabei so eine wichtige Rolle?

Der in Dubai betriebene Messenger-Dienst gilt vielen als besonders geeignete Plattform für extremistische Inhalte. Kanäle und Gruppen lassen sich laut LKA anonym betreiben, Inhalte können schnell und mit großer Reichweite verbreitet werden. Für die Szene sei der Dienst aus Sicht von Experten nicht nur eine Plattform zum Verbreiten ihrer Inhalte, sondern zugleich Treffpunkt, Rekrutierungsinstrument und Echokammer, so LKA und Generalstaatsanwaltschaften.

Was sagt Telegram zu den Vorwürfen?

Nach eigenen Angaben hat der Messenger-Dienst alle Gruppen und Kanäle entfernt, die mit dem Namen «Terrorgram» in Verbindung standen. «Die Moderatoren überwachen weiterhin die Plattform, um zu verhindern, dass solche Gruppen neu gegründet werden», teilte Telegram-Sprecher Remi Vaughn schriftlich mit. Er betonte, die Nutzungsbedingungen würden strikt durchgesetzt – mit Moderationsmaßnahmen, die allen Branchenstandards entsprächen oder diese sogar überträfen. «Allein im Jahr 2025 blockierte Telegram mehr als 236.573 extremistische Gemeinschaften», so Vaughn.

 

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