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Warum Jäger Rehe vom Abschuss verschonen wollen

News Warum Jäger Rehe vom Abschuss verschonen wollen

Quelle: Thomas Warnack/dpa
dpa

Weniger Tiere schießen, mehr miteinander reden: Der Landesjagdverband setzt auf abgewogene Konzepte statt Jagddruck. Was steckt hinter dem neuen Wild-Wald-Bewusstsein?

Auch wenn der Wald in Baden-Württemberg klimabedingt umgebaut werden muss, will der Landesjagdverband weniger Rehe schießen als teilweise gefordert. Um Verbissschäden an neu gepflanzten Bäumen zu vermeiden, sei die drastische Reduktion der Anzahl an Rehen keine Lösung, sagte Hauptgeschäftsführer René Greiner anlässlich des Landesjägertags in Altensteig (Landkreis Calw). Falscher Jagddruck sei sogar kontraproduktiv.

Wie Kühe seien Rehe Wiederkäuer und brauchten dafür Ruhe, erklärte Greiner. Bekämen sie diese nicht, steige der Energiebedarf – und die Tiere fressen dort, wo sie gerade im Dickicht stünden. Deswegen sei es auch wichtig, im Wald Hunde anzuleinen, nicht kreuz und quer zu gehen, sondern auf den Wegen zu bleiben – und das möglichst nicht in der Dämmerung, sagte Sarina Beiter, die das Projekt Wild-Wald-Bewusstsein beim Landesjagdverband verantwortet.

Rehe seien Feinschmecker, erklärte Greiner. Sie pickten sich eher die Rosinen heraus, mal hier ein Pflänzchen, mal dort eines. Grundsätzlich bevorzugten die Tiere leicht verdauliche, nährstoffreiche Pflanzen, sagte Beiter. Gerade wenn junge Bäume aus den Baumschulen kämen, seien diese voll mit Nährstoffen. Rehe sind ihr zufolge zudem auf ein abwechslungsreiches Nahrungsangebot angewiesen. «Fehlt dieses, greifen sie auf junge Triebe zurück und können so das Aufwachsen der nächsten Waldgeneration erschweren.»

 

Hat das Reh eine Daseinsberechtigung?

Wiederum sind Rehe laut Greiner etwa für Insekten oder für den Transport von Samen wichtig. «Es ist auch eine naturethische Frage», sagte der Hauptgeschäftsführer. «Hat eine einheimische Art wie das Reh eine Daseinsberechtigung bei uns oder nicht?»

Der Wald stehe unter Druck, räumte er ein: Wegen des Klimawandels müsse er schnell umgebaut werden, Monokulturen etwa wolle man nicht mehr. Er solle gleichzeitig regionales Holz liefern, Ausflugsziel für Menschen und Lebensraum für Tiere sein. Wichtig seien daher Gespräche zwischen Forstwirtschaft, Jägerschaft, Kommunen und Waldbesitzern sowie kluge Bejagungskonzepte.

Wo Aufforstung an erster Stelle stehe, müsse intensiv gejagt werden, sagte Greiner. Wichtig seien dann Ausweichflächen, die durchaus auch mal kleinräumig innerhalb eines Jagdreviers eingerichtet werden könnten. Wo Zäune aufgestellt würden, müssten diese später wieder abgebaut werden.

Mit 188.192 Tieren steht Rehwild an der Spitze der Jagdstrecke 2023/24 in Baden-Württemberg. Es gehe allerdings nicht um die reine Zahl der Abschüsse, betonte Greiner. Vielmehr müsse man zum Beispiel auf die Altersstrukturen der Bestände achten und ein ausgewogenes Verhältnis der Geschlechter.

 

Andere Sichtweisen trainieren

Der Landesjagdverband will die Grundlagen für Dialog schaffen – auch unter Jägern und Jägerinnen, wie Beiter sagte. Dabei sollten etwa in Schulungen – Theorie wie Praxis – forstliche Aspekte stärker berücksichtigt werden. «Es geht um Fragen wie: Warum ist der Umbau für Tiere, Menschen und den Wald wichtig? Was macht der Klimawandel mit den Tieren und dem Wald?» Alle Beteiligten müssten schauen, welche Kapazitäten der Lebensraum biete.

Als Positivbeispiel nannten die Fachleute des Verbands Offenburg, wo vor einigen Jahren das Vorgehen geändert wurde. Ein durchdachtes Bejagungskonzept zum Wohl von Wild und Wald sei nun tierschutzgerechter, ethisch korrekter und vor allem an wildbiologischen Erkenntnissen orientiert.

Greiner verwies zudem auf die Geschichte: Bis 2009 habe es Abschusspläne für Rehe gegeben. Seither sollten Förster und Jäger gemeinsam in den jeweiligen Revieren schauen, wie die Gegebenheiten vor Ort seien und wie viel Wild in den kommenden Jahren erlegt werden solle. «Das hat leider nicht immer stattgefunden», sagte er. Dieses Format solle wiederbelebt werden.

 

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