News aus Baden-Württemberg
„Dunkle Wolke“: Bauern wollen sich gegen Krähen wehren

News aus Baden-Württemberg „Dunkle Wolke“: Bauern wollen sich gegen Krähen wehren

Quelle: Marijan Murat/dpa/Archivbild
dpa

Krähen haben eine enorme Kraft, sie können ganze Existenzen zerstören. Zumindest dann, wenn sie sich in Massen immer wieder auf ein Feld stürzen und die Saat eines Bauern zerstören. Das Jagdrecht ist streng. Was tun? Experten sind sich nicht einig.

Der Feind kommt für die Bauern aus der Luft. Schwarz ist er, zahlenmäßig hoffnungslos überlegen und clever genug, um den Landwirten nicht in die Falle zu gehen. In Massen schwärmt er heran, wenn die Saat gerade in vollem Gange ist. Dann stürzt er sich auf Mais und Zuckerrüben, Sonnenblumen, Winterweizen, Sojabohnen und Gewächshäuschen. Die Schäden durch Krähen auf den Feldern in Baden-Württemberg nehmen nach Angaben des Landesbauernverbandes von Jahr zu Jahr zu.

Bis zu 200 Saat- und auch Rabenkrähen picken und hacken teils durch die frische Saat und hinterlassen wertloses Obst, durchlöcherte Plastikplanen oder herausgerupfte Salatköpfe, beklagt der Verband und warnt: «Das Ausmaß kann dabei bis zum Totalausfall reichen.» Der Protest auf den Höfen werde immer lauter.

Auch dem Land ist das Ausmaß durchaus bewusst: «Die Schäden sind zwar nur punktuell und zeitlich begrenzt. Aber manche Landwirte bauen als Folge gar keinen Mais mehr an oder überlegen, ob sie darauf verzichten», sagt Jörg Ziegler vom Agrarministerium im Landtagsausschuss, einem Gremium, in dem am Mittwoch Jäger und Kommunen, Wissenschaftler und auch die Bauern Stellung nahmen.

«Die sind einfach ohnmächtig vor lauter Krähen», sagt Dominik Modrzejewski vom Landesbauernverband vor den Abgeordneten. «Unsere Landwirte berichten mir von massiven Schäden, das hat uns wirklich erschrocken.» Nur schwer lassen sich die pickenden Krähen von den Feldern fernhalten. Die durch die EU geschützte Saatkrähe darf nur ausnahmsweise geschossen werden – und die Genehmigungen sind aufwendig und werden aus Sicht der Bauern zu spät erteilt.

Die Erwartungen der Bauern an das Land sind klar formuliert: «Wir fordern die Landesregierung auf, die Probleme der landwirtschaftlichen Betriebe ernst zu nehmen und gemeinsam mit den Bauernverbänden praxistaugliche und einheitliche Lösungen zu finden.» Landes- und Bundesregierung müssten sich bei den EU-Behörden in Brüssel dafür einsetzen, dass der Abschuss schneller und einfacher genehmigt werde. «Der Abschuss ist das letzte Mittel, aber es gibt kein anderes Mittel», sagt Modrzejewski.

Aus Sicht der Jäger müssen vor allem die Behörden sensibilisiert werden. Für die Saatkrähe seien Einzelgenehmigungen für die Vergrämung, also den Abschuss einzelner Vögel, uneinheitlich und nicht an der Praxis orientiert. «Über die Handhabung der Anträge und ihre Erteilung herrscht völlige Intransparenz», sagte Klaus Lachenmaier vom Landesjagdverband.

Das sieht der Naturschutzbund anders: «Die Tötung sollte Ultima Ratio sein», sagt der Karlsruher Ornithologe Oliver Harms. Außerdem hebt er die Vorteile von Saat- und Rabenkrähen hervor, die als Allesfresser Zehntausende von Würmern, Schnecken und Larven pickten. Letztlich gebe es keine einfachen und einheitlichen Lösungen. «Wir werden auf individuelle Lösungen setzen müssen», sagt Harms. «Man muss tiefer in die Materie einsteigen und ähnlich wie bei den Bibern die Betroffenen professioneller beraten.» Auch der Agrarausschuss-Vorsitzende Martin Hahn, selbst als Landwirt Opfer der Krähen, sieht das so: «Leider ist die Lage nicht so, dass man sagen kann „Das machen wir so und dann ist die Welt in Ordnung“.»

Umstritten ist auch der Schutz der Saatkrähe. «Wenn die Landesregierung will, dass sich ungefährdete Arten so ausbreiten, dann muss sie auch für die Folgen aufkommen», kritisieren die bauern. Wichtig sei außerdem ein regelmäßiges Bestandsmonitoring. «Die vorliegenden Zahlen sind zehn Jahre alt», sagte der LBV-Referent für pflanzliche Erzeugung. «Aber wir gehen davon aus, dass wir mittlerweile über 20.000 Brutpaare haben.» Auch das Umweltministerium spricht von einer «ungefährdeten» Art in einem «günstigen Erhaltungszustand».

Was also tun, wenn die Jagd nicht geht? Erfolgversprechend sei das Beizen, sagt LBV-Vizepräsident Jürgen Maurer. Dabei werden Pflanzen oder Keimlinge mit der Lösung Mesurol besprüht, die der Saat- und der Rabenkrähe ordentlich den Appetit verdirbt und nicht giftig ist. Problem: Seit 2020 ist der vogelvergrämende Wirkstoff für Saatgut in Deutschland verboten. Um Krähenfraß an Mais zu verhindern, nutzen ökologische Betriebe ein Pflanzenstärkungsmittel auf Basis von Hopfenextrakt. «Wenn man hier mehr in die Forschung investieren würde, wäre das Geld zu angebracht», sagt Maurer.

Gibt es keine anderen Mittel? «Das sind clevere Tiere, die auch schnell lernen. Man kann sie nicht überlisten, die können einen Spazierstock und ein Gewehr unterscheiden genauso wie das Geräusch von Platzpatronen und richtige Munition», sagt Maurer. Vogelscheuchen und Flatterbänder oder Windspiele helfen aus seiner Erfahrung kaum gegen die Rabenvögel, weil sie schnell dazu lernen. Hagelnetze werden häufig durchgepickt, Schreckschussanlagen sind wegen der Lärmbelästigung umstritten.

Bis sich etwas ändere, gebe es für Gemüsebauern keine Chance, sich und ihre Felder zu schützen, warnt Maurer. «Die Schäden sind immens, die gehen in die Zehntausende.» Nach einem Bericht des LBV mit Schadensmeldungen von Bauern aus 21 baden-württembergischen Landkreisen treten rund 60 Prozent der Zerstörungen im Mais auf. Auch Zuckerrüben, Sonnenblumen, Winterweizen, Soja sowie der Obst- und Gemüsebau sind betroffen. Bei vielen Kulturen fressen die Vögel sowohl Saatgut als auch Keimlinge. Obst- und Gemüsebauern beklagen zerhackte Früchte und herausgepickte Spargelköpfe. Laut Bericht führte der Verlust von Saatgut bei so manchem Maisbauer zu Schäden von bis zu 20.000 Euro, einige Erdbeerbauern hatten bis zu 25.000 Euro Schaden.

 

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