News Experte und Direktor des Karlsruher Naturkundemuseums informiert über Heuschrecken
Von wegen biblische Plage: Heuschrecken sind nicht nur faszinierend, sondern wichtige Indikatoren für die Natur. Manche sind in Gefahr, anderen hilft der Klimawandel. Wichtige Punkte im Überblick.
Sie heißen Warzenbeißer, Maulwurfsgrille oder Blauflügelige Ödlandschrecke. Mal sind es leise Zirper mit massigem Körper, mal graben sie sich mit Schaufeln durchs Erdreich: Vor allem aber sind viele Heuschrecken in Gefahr, weil Lebensräume verschwinden. Andere profitieren vom Klimawandel.
In der Deutschen Gesellschaft für Orthopterologie (DGfO) widmen sich Expertinnen und Experten vor allem Heuschrecken. Sie treffen sich ab 17. April zur 18. Jahrestagung im Naturkundemuseum Karlsruhe und sprechen unter anderem über das Verschwinden lokaler Arten und Möglichkeiten zur Wiederansiedlung, wie Museumsdirektor Martin Husemann sagt.
Wie viele Heuschrecken gibt es?
In Europa leben derzeit laut DGfO mehr als 1.000 Heuschreckenarten und 49 Fangschreckenarten. «In Deutschland kommen aktuell 81 Heuschreckenarten und eine Fangschreckenart vor.» In Baden-Württemberg, wo die Tagung stattfindet, sind der Landesanstalt für Umwelt (LUBW) zufolge rund 70 Heuschreckenarten bekannt. Weil die Zahl überschaubar ist, eignen sich Heuschrecken aus Husemanns Sicht gut für den Einstieg in die Insektenkunde.
Was zeichnet die Tiere aus?
Die meisten Arten besitzen laut LUBW Flügel, bei einigen sind diese jedoch zurückgebildet. «Wer schon einmal versucht hat, Heuschrecken zu ärgern, hat sicher auch schon Bekanntschaft mit deren kräftigem Gebiss gemacht», schreiben die Fachleute weiter. Die kauend-beißenden Mundwerkzeuge seien ebenso charakteristisch wie ihre arttypischen Geräusche: «Dazu reiben die Langfühlerschrecken ihre Flügel aneinander, während die Kurzfühlerschrecken die Beine an den Flügeln entlangbewegen.»
Allerdings beißen die Tiere Menschen üblicherweise nicht, wie Husemann sagt. Der Warzenbeißer – das Insekt des Jahres 2026 – etwa habe seinen Namen aufgrund des Volksglaubens, sein Biss und die Absonderungen heilten Warzen. Kurzfühlerschrecken seien zudem eher Vegetarier, sagte der Experte. Langfühlerschrecken hingegen fressen demzufolge auch andere Insekten.
Wie gefährdet sind Heuschrecken?
Rund ein Drittel der Heuschrecken- und Fangschreckenarten Deutschlands gilt laut dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) und dem Rote-Liste-Zentrum als bestandsgefährdet. Weitere knapp elf Prozent stünden auf der Vorwarnliste. Manche Arten kämen nur in sehr begrenzten Gebieten wie Truppenübungsplätzen vor, erklärt Museumsdirektor Husemann.
Was sind die Hauptprobleme?
«Gefährdungsursache Nummer eins ist der Mensch», heißt es beim BfN. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts seien wertvolle Insektenlebensräume wie Magergrünland, Halbtrockenrasen und Heiden großflächig etwa der Aufforstung, dem Gewässerbau oder anderen Baumaßnahmen zum Opfer gefallen. In Naturschutzgebieten sieht die Bestandssituation demzufolge etwas besser aus. Aber auch dort seien in den letzten Jahren einige Populationen vor allem von hoch spezialisierten Arten erloschen.
Warum sind Heuschrecken wichtig?
Sie wandeln harte Gräser in für andere Organismen leichter abbaubare Produkte um. Damit tragen sie laut LUBW wesentlich zur Bodenfruchtbarkeit bei. Die Heuschrecken selbst wiederum dienten etwa vielen Wirbeltieren als Nahrung. «Für Vögel und Spinnen sind sie eine Proteinquelle», sagt Husemann.
Zudem sind sie ein wichtiger Indikator: Heuschrecken reagieren sehr empfindlich auf Änderungen der Bewirtschaftung von Landschaften und des Klimas. Kommen sie in einer Gegend vor, lässt das laut Husemann Rückschlüsse auf das Habitat zu, weil die Arten bestimmte Voraussetzungen brauchen. «Da sie mehrheitlich ihren gesamten Lebenszyklus im selben Lebensraum verbringen, können sie gut als Biotopindikator verwendet werden», erläutert die LUBW. Die Behörde baut seit 2018 ein landesweites Insektenmonitoring auf.
Wie wirkt sich der Klimawandel aus?
Manche – wärmeliebende – Arten profitieren davon. So breitet sich laut dem BfN beispielsweise die Europäische Gottesanbeterin in Deutschland weiter aus, die einzige Fangschreckenart hierzulande. Husemann nennt die Lauchschrecke als weiteres Beispiel. Oder auch: «Die Vierpunktige Sichelschrecke, die früher super selten war, kommt inzwischen in jedem Busch vor.»
Drohen auch invasive Arten, die Schäden anrichten?
Nach Husemanns Einschätzung ist das aktuell kein Thema. Zwar könnten etwa Wanderheuschrecken häufiger werden. Diese hätten vielleicht auch mal das Potenzial, Schädlinge zu werden. Bisher werden diese Tiere aber vor allem in Terrarien und als Futter gehalten und büxen vielleicht mal aus, wie der Fachmann sagt. «Sie pflanzen sich hier aber bisher nicht fort.»
Andere Arten könnten punktuell zum Problem werden. Kommt zum Beispiel die Maulwurfsgrille in einem Garten vor, frisst sie mitunter Möhren von unten an.