News aus Baden-Württemberg
Immer mehr Nilgänse bevölkern Badeseen und Wiesen – Jagd als Schadensbegrenzung?

News aus Baden-Württemberg Immer mehr Nilgänse bevölkern Badeseen und Wiesen – Jagd als Schadensbegrenzung?

Quelle: Bernd Weißbrod/dpa
dpa

Die Nilgans, eine eingewanderte Tierart, macht so ziemlich, was sie will. Jetzt ist auch noch eine neue Gänseart auf dem Vormarsch.

Wer auf Wiesen sonnenbaden oder picknicken will, muss sich den Rasen oft mit Nilgänsen teilen – einer eingewanderten Art, die Baden-Württemberg seit Jahren bevölkert und gegen die kein Kraut gewachsen ist. Landwirten fügt sie Schaden zu, Wiesenflächen in Schwimmbädern oder an Badeseen werden durch Gänsekot verschmutzt, Kommunen sind mehr oder weniger machtlos und Badegäste oft genervt.

«Von den in Deutschland lebenden Vögeln nimmt die Nilgans am schnellsten zu», sagt Klaus Lachenmaier, Experte für Wildtiermonitoring beim Landesjagdverband. «Die Zahlen steigen steil an, bald wird Baden-Württemberg flächendeckend betroffen sein.» Parallel dazu wächst die Zahl dieser von Jagdpächtern erlegten Tiere. Im Jagdjahr 2022/2023 waren es schon mehr als 2.000 Nilgänse, ein Plus von zwölf Prozent im Vergleich zum Jahr davor (1.806). Neuere Zahlen liegen nicht vor.

 

Mehr Zeit für die Gänsejagd?

Lachenmaier, selbst Jäger und auch Vogelexperte, schlägt eine längere Jagdzeit vor, um die rasante Ausbreitung der Tiere abzumildern. Die Nilgans darf derzeit ab 1. August bis 15. Februar bejagt werden. «Das einen Monat nach vorne zu ziehen, würde schon helfen», sagt er. Dabei gehe es aber nur um Schadensbegrenzung. «Wir können die Verbreitung nicht aufhalten.» Nilgänse seien sehr aggressiv und konkurrierten mit anderen Vogelarten um Brutplätze – nicht selten zu deren Nachteil.

 

Gekommen, um zu bleiben

Dass die Art verschwindet, ist auch nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums völlig unrealistisch. Schon der letzte Wildtierbericht habe gezeigt, dass sich die Zahl der Brutmeldungen zwischen 2009 und 2019 versechsfacht habe. Der nächste Wildtierbericht – er wird nur alle drei Jahre veröffentlicht – soll Anfang 2025 erscheinen, darin wird auch die Entwicklung der Nilgans in Baden-Württemberg erneut in den Fokus genommen. Lachenmaier geht davon aus, dass sich Zahlen weiter drastisch erhöhen; die Entwicklung schreite rasant voran. «In dem Moment, wo man Karten mit der Verbreitung der Nilgans veröffentlicht, sind sie auch schon wieder veraltet», sagt er.

 

Jagd aber nicht überall möglich

Die Stadt Stuttgart betont, dass die Jagd in Freibädern, Stadtparks und bebauten Ortslagen nur mit Sondergenehmigung möglich ist. 27 Nilgänse wurden in der Landeshauptstadt im abgelaufenen Jagdjahr 2023/2024, das zum 31. März endete, getötet. Im Stadtgebiet Mannheim wurden in diesem Zeitraum 77 Nilgänse erlegt. Es gebe inzwischen eine gewisse Routine im Umgang mit den Tieren, sagt eine Stadtsprecherin. Nach Worten eines Heidelberger Stadtsprechers tummeln sich derzeit etwa 55 Nilgänse auf den Neckarwiesen – nebst anderen Gänsearten wie Kanadagänsen (40) oder Schwanengänsen (80 Tiere). Knapp 30 Nilgänse seien im abgelaufenen Jagdjahr 2023/24 erlegt worden.

In der Stadt Heidelberg setzen die Behörden seit längerer Zeit spezielle Kehrmaschinen ein, die neben Kippen und Glasscherben auch Gänsekot aufsammelt. «Das funktioniert sehr gut», wie es heißt. Außerdem werden Gänseeier unfruchtbar gemacht. Wer die Tiere füttert, kann ein Bußgeld von bis zu 75 Euro aufgebrummt bekommen.

 

Neue Gänseart im Anmarsch

Sorgen macht sich Experte Lachenmaier wegen einer relativ neuen Gänseart, der Rostgans, die sich im Südwesten allmählich breit macht. «Sie entwickelt sich rasant und darf in diesem Jahr erstmals bejagt werden», erzählt er. Sie sei bereits in Oberschwaben, im Ostalbkreis bis hoch nach Aalen zu finden und rücke nun auch ins Neckartal vor. Das Tier sei entfernt verwandt mit der Nilgans und stamme ursprünglich aus Asien.

 

Einfluss der Nilgans nicht überhöhen – und wenigstens schmeckt sie gut

Die Ornithologin Friederike Woog vom Naturkundemuseum Stuttgart betont, dass Nilgänse zwar sehr sichtbar seien, ihr Einfluss auf das Ökosystem aber nicht überschätzt werden dürfe. Als Beispiel nennt sie den Bodensee, der sich stark verändere wegen eingeschleppter Arten wie der Dreikant- und Quaggamuschel, des dreistachligen Stichlings oder der Donau-Schwebgarnele. «Weil diese Tiere ihren Kot nicht auf Fußgängerwege ablegen, sind sie weniger im Fokus. Ökologisch ist ihre Auswirkung aber viel höher.»

Übrigens: Noch sind die Zahlen erlegter Nilgänse im Südwesten zu niedrig, als dass sich eine Vermarktung des Fleisches lohnen würde. Das könnten sich aber ändern. «Nilgansbraten ist sehr zu empfehlen», sagt Lachenmaier.

 

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