News
Rettungsdienste warnen: Bagatellfälle belasten Versorgung

News Rettungsdienste warnen: Bagatellfälle belasten Versorgung

Quelle: Patrick Seeger/dpa
dpa

Immer mehr Rettungswagen-Einsätze in Baden-Württemberg: Auch bei harmlosen Beschwerden wird Hilfe gerufen. Das entwickelt sich zur Belastung für die Sanitäter und die Notfallversorgung.

Die Zahl der Einsatzfahrten steigt nach Angaben der Rettungsdienste in Baden-Württemberg seit Jahren kontinuierlich. Das ist problematisch und hat auch etwas mit zunehmenden Lücken im Gesundheitswesen zu tun. Und mit den Veränderungen innerhalb unserer Gesellschaft.

Wie oft rücken Kranken- und Rettungswagen denn aus?

Das ist unterschiedlich. Generell sei zu sagen, dass die Zahl der Einsätze mit Notarzt zwar zurückgeht und die der reinen Krankentransporte stagniert, berichtet ein Sprecher des Medizinischen Dienstes Baden-Württemberg. Die Zahl der Einsätze mit Rettungswagen jedoch – das sind Fahrzeuge, die wie eine kleine Intensivstation ausgerüstet sind – und damit die Gesamtzahl aller Einsätze steige an, sagt er. Auch der Landesverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) berichtet dies.

Im Jahr 2024 – die Zahlen für 2025 liegen noch nicht vor – gab es insgesamt rund 1,17 Millionen Einsätze mit Rettungswagen, im Jahr davor waren es knapp 1,14 Millionen. Die Zahlen werden von der Stelle zur trägerübergreifenden Qualitätssicherung im Rettungsdienst Baden-Württemberg, kurz SQR-BW, erhoben.

Was ist die Ursache für gestiegene Einsatzzahlen?

Rettungsdienste werden nicht nur in akuten Notlagen gerufen. Sondern immer öfter auch etwa wegen Bauchschmerzen oder Erkältungssymptomen, die sich hinterher als harmlos erweisen. Wenn jemand beispielsweise bei sich einen erhöhten Blutdruck misst, sei das nicht zwingend ein Grund, den Rettungswagen zu rufen, sagt der Leiter der Malteser-Rettungsdienste in Freiburg, Daniel Hierholzer. Für die Patienten sei es zudem auch immer schwieriger, bei von ihnen als bedrohlich empfundenen Beschwerden Hilfe und Unterstützung zu erhalten – etwa von Familienangehörigen oder Nachbarn, erläutert der Sprecher des DRK-Landesverbandes, Udo Bangerter.

Zudem spiele der Hausärztemangel eine Rolle, da sich Patienten dann im Zweifel an den Rettungsdienst wenden. Auch Fachärzte seien zunehmend nicht greifbar. Menschen, die sich in Not fühlten, riefen dann die Leitstelle an, die jemanden hinschicken muss. «Das führt dann zu Einsätzen, die das System zunehmend belasten», so Hierholzer.

Ein wesentlicher Faktor sei auch die «abnehmende Selbsthilfefähigkeit in Teilen der Bevölkerung», sagt ein Sprecher des Johanniter-Landesverbandes Baden-Württemberg. «Wenn ich keine Verwandten mehr habe und keinen Hausarzt mehr, der auch Hausbesuche macht, dann ist die Panik schnell groß», sagt Bangerter.

Welche Probleme bringt das mit sich?

Für die Sanitäter ist das schwer zu stemmen und manchmal auch frustrierend. «Die Menge an Einsätzen führt auch zu Abwanderung von Personal, weil die Dauer, die Menge und die damit verbundene Einsatzzeit sehr hoch ist», sagt ein Sprecher der Malteser. «Einsatzkräfte suchen sich nicht selten eine Beschäftigung außerhalb des Rettungsdienstes.» Die Gesamtzahl der Einsätze sei schlicht zu hoch, ergänzt DRK-Sprecher Bangerter.

Nach Worten von Bangerter sind die hoch qualifizierten Sanitäter zudem nicht selten frustriert, wenn sie mit einem Rettungswagen zu einem vermeintlichen Notfall ausrücken, der dann gar keiner ist. «Dann sind die innerlich schon sauer», sagt er. Hinzukomme, dass der Beruf generell sehr anspruchsvoll und durch den Schichtdienst auch belastend sei. Vor allem in Ballungsräumen seien die Sanitäter mit den Rettungswagen quasi ununterbrochen unterwegs.

Was könnte man ändern?

«Wir haben eigentlich eine sehr gute und effiziente Notfallversorgung», sagt Hierholzer. Wichtig sei aber beispielsweise, bei der Einsatzplanung nachzusteuern. Dabei soll ein Gutachten helfen, das der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Baden-Württemberg in Auftrag gegeben hat und für das die SQR-BaWü Zahlen und Daten der Notfallrettung zur Verfügung stellt.

Geklärt werden soll damit unter anderem erstmals landesweit, wo und in welchem Umfang Rettungswagen stationiert sind, um Einsätze besser koordinieren zu können, wie der stellvertretende ASB-Landesgeschäftsführer Daniel Groß sagt.

Wie sieht es mit den Kosten für Notfalleinsätze aus?

Die wurden von den Kassen in der Regel bisher übernommen. Die Rettungsdienste verhandelten mit den Kassen dafür Budgets, sagt Bangerter. Dann schaue man im Nachhinein, ob die dem Budget zugrunde gelegte Einsatzzahl erreicht wurde. Wenn die Zahl nicht erreicht wird oder darüberliegt, wurde im Nachgang angepasst.

Durch das neue GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz droht jedoch nach Angaben des DRK-Landesverbandes eine Schieflage: Das neue Gesetz sieht vor, die Refinanzierung der Leistungen auf Basis der entstandenen Kosten zu beenden oder zumindest zu deckeln.

Welche Folgen die Neuregelung für Baden-Württemberg hat, ist nach Worten von Bangerter und Groß bisher nicht absehbar. Möglicherweise würden Kommunen dann stärker in die Pflicht genommen werden oder Rettungsdienste in Vorleistung gehen müssen, bevor sie überhaupt Kosten bei den Kassen geltend machen. «Auf jeden Fall bringt uns das in eine gefährliche Lage.»

 

Weitere Nachrichten

Neue Zahlen: So entwickelt sich der Ausbau der Windkraft im Südwesten

Jahrelang gingen im Südwesten nur wenig neue Windräder ans Netz. Nun sind ein paar mehr dazu gekommen. Warum es immer noch zu wenige sind - und was die Politik als Ursache sieht.

Sommer kehrt zurück – Sonne vertreibt Gewitter in Baden-Württemberg

Erst Schauer, dann Sonne: Wer am Sonntag noch den Regenschirm brauchte, darf sich zum Wochenbeginn auf Sommerfeeling freuen. Welche Regionen profitieren, verrät der Wetterdienst.

Haftbefehl abgelehnt: Attacke bei Kontrolle – Bahnmitarbeiter kämpft ums Überleben

Ein Bahnmitarbeiter wird von einem Fahrgast derart heftig attackiert, dass er aus einem 120 km/h schnellen Zug stürzt. Der mutmaßliche Täter ist auf freiem Fuß.

Schwerer Auffahrunfall - Sieben Verletzte bei Karlsruhe

Bei einem Auffahrunfall in Malsch (Landkreis Karlsruhe) sind drei Menschen schwer verletzt worden. Nach Polizeiangaben verletzen sich vier weitere Beteiligte leicht. Alle sieben kamen ins Krankenhaus.

Rentner sitzen auf einer Parkbank.

Umfrage: Mehrheit im Baden-Württemberg will nicht länger arbeiten

Während die Politik die Anhebung des Rentenalters vorbereitet, haben viele Menschen ganz andere Pläne. Wer besonders oft frühzeitig in den Ruhestand gehen will und was zum Bleiben motivieren könnte.

Klimaforschung am KIT: Warum man große Hagelkörner einfrieren soll

Wetterforscher bitten um Mithilfe und holen die Funde sogar ab: Auf welche Hagelkörner sie es abgesehen haben - und was sie damit vorhaben.






















Auch interessant


Falls Ihnen inhaltliche Fehler oder Fehlfunktionen auffallen, einfach bei redaktion@meinka.de melden.