News aus Baden-Württemberg
Studie: Kinder nach zwei Corona-Jahren unbeweglicher, aber kräftiger

News aus Baden-Württemberg Studie: Kinder nach zwei Corona-Jahren unbeweglicher, aber kräftiger

Quelle: Christian Johner
dpa

Weniger Sport im Verein, weniger Sport in der Schule, dafür ein bisschen mehr Spielen mit der Familie: Die beiden Corona-Jahre haben ihre Spuren bei den Kindern hinterlassen, das zeigt eine neue Studie. Gefragt sind Politik und Vereine, meinen die Sportwissenschaftler.

Kinder in Baden-Württemberg sind zwar fitter als es Jungen und Mädchen in Deutschland durchschnittlich sind, ein Grund zur Freude ist das allerdings nach zwei Corona-Jahren keineswegs. Denn ohne Schulsport und Turnvereine haben die Jüngsten massiv an Fitness eingebüßt, wie aus am Donnerstag veröffentlichten Daten der Kinderturnstiftung Baden-Württemberg hervorgeht. «Der Fitness-Gesamtwert ist während Corona eingebrochen», heißt es im «Fitnessbarometer 2022» unter anderem. Die Kinder seien tendenziell langsamer und weniger ausdauernd als vor der Corona-Pandemie, auch die koordinativen Fähigkeiten seien schlechter geworden.

«Das Niveau ist gleichbleibend niedrig», sagt Professor Klaus Bös vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) zu den jüngsten Daten. Ausdauer und Schnelligkeit der Kinder hätten in den vergangenen beiden Corona-Jahren tendenziell abgenommen, auch die sehr hohen koordinativen Leistungen seien deutlich gesunken, die Beweglichkeit hingegen unverändert geblieben. «Gleichzeitig ist in der Tendenz eine Verbesserung hinsichtlich der Kraft erkennbar.»

Aus Sicht von Experten fördert Bewegung die psychische, soziale und kognitive Entwicklung der Kinder. Laut Robert Koch-Institut kann körperliche Aktivität auch der Entwicklung von Fettleibigkeit (Adipositas) im Kindes- und Jugendalter vorbeugen. Jungen und Mädchen im Kita-Alter sollten sich demnach täglich mindestens 180 Minuten bewegen, im Schulalter mindestens 90 Minuten.

Die Kinderturnstiftung Baden-Württemberg untersucht seit 2012 mit Sportwissenschaftlern des KIT die Fitness von Drei- bis Zehnjährigen im Südwesten. Ihre Ergebnisse knüpfen an andere Studien zu Corona-Folgen an. Erst in den kommenden Jahren seien Aussagen über die nachhaltigen Auswirkungen der Pandemie auf die Fitness der Kinder möglich, sagt Bös. «Die Daten sind eine Momentaufnahme.»

Unklar sei aufgrund der Daten noch, ob es sich lediglich um eine Corona-Delle handele oder um einen Corona-Knick. Es lasse sich aber durchaus bereits feststellen, dass frühere Generationen im Kindes- und Jugendalter fitter gewesen seien, sagt Bös nach Auswertung der Daten von rund 25 400 Kindern, die durch pädagogische Fachkräfte, Lehrkräfte und Sportfachkräfte erhoben wurden.

Während der Pandemie mussten Turn- und Sportvereine ihre Angebote entweder ganz absagen oder zusammenstreichen, auch der Schulsport fiel monatelang aus. «Gleichzeitig wurde die Freizeit und der Alltag zuhause mit der Familie aktiver gestaltet, Spaziergänge und Fahrradtouren standen hoch im Kurs», erklärt Susanne Weimann, geschäftsführender Vorstand der Stiftung. Eltern hätten mit ihren Kindern in den Lockdowns eher kräftigende Übungen auf kleinem Raum angestrengt. Ziel müsse es sein, das aktive Familienleben beizubehalten und zusätzlich Sport- und Bewegungsstunden in Turn- und Sportvereinen, in Kitas und Schulen anzubieten. «Dann wäre ein großer Schritt gegen den akuten Bewegungsmangel getan», sagt Weimann.

«Viel – und möglichst langfristig – hilft beim Thema Bewegungsförderung auch wirklich viel», rät auch Sportwissenschaftler Bös. «Man wird ja auch nicht von heute auf morgen adipös oder sehr fit.» Es müsse nachhaltig verankerte und auch miteinander vernetzte Angebote in der Kommune und in den kommunalen Einrichtungen geben. Er vermisse nach wie vor ein Bewusstsein in der Politik dafür, dass der Körper ebenso wichtig sei wie der Kopf, kritisiert Bös. «Monatelang lag der Sportunterricht während der Pandemie brach, während es für den normalen Unterricht sehr schnell Konzepte gab», sagt er.

Aber auch die Sportvereine müssten umdenken: «Sie verlieren zu viele Kinder, weil sie zu früh in die Sportarten gehen und die Jungen und Mädchen dort irgendwann die Motivation verlieren», sagt Bös. «Kinder müssen im Sport viel mehr zu Generalisten werden.» Wichtig seien daher Konzepte für «Lifetime-Sport», also für Sportarten, die man über viele Jahre ausübe.

 

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