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„Uff gohds!“: Land will bedrohte Dialekte stärken

News „Uff gohds!“: Land will bedrohte Dialekte stärken

Quelle: Uwe Anspach/dpa
dpa

Manche empfinden Dialekte als provinziell. Andere loben Farbe und Vielfalt. Weil es vom Aussterben bedroht ist, soll das sprachliche Erbe des Landes nun geschützt und beworben werden.

Wenn CDU-Landeschef Manuel Hagel redet, wird das «Ist» schnell zum «Isch», das «Ich» zum «I». Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) spricht Dialekt, er setzt bei öffentlichen Auftritten aufs sogenannte Honoratiorenschwäbisch. Anders als die beiden Politiker unterhalten sich immer weniger Menschen in der Mundart ihrer Region. Dialekte wie das Rheinfränkische und Alemannische gelten bereits als gefährdet. Deshalb sollen sie mit einer umfassenden Strategie bewahrt werden.

Dialekte dienten der Verständigung, sie stifteten Identität und Zusammenhalt, wirbt Kretschmann für die Initiative des Landes. Früher hätten Mundarten oft als «Sprachbarrieren» gegolten. «Heute werden sie als Formen der inneren Mehrsprachigkeit geschätzt, weil sie sogar den Fremdsprachenerwerb erleichtern können», so der Ministerpräsident. Er nennt den Dialekt eine «unschätzbare Ressource». Sei die Mundart aber erst einmal weg, sei sie ausgestorben, warnt der Regierungschef.

Die Strategie

Die Strategie, die auch bereits bekannte Projekte einschließt, soll nach Angaben des Landes die Tradition bewahren, fördern und stärken. Die Landesregierung will unter anderem den regionalen Zungenschlag durch die Kampagne «DialektLänd» als Teil der Dachmarke «The Länd» etablieren. Unter dem Titel «Mundarten bewahren und stärken» wollen vier Ministerien und das Staatsministerium zudem Forschung und Dokumentation in den Universitäten und außerhalb der Einrichtungen stärken. Dialekte sollen auch häufiger in Kindertagesstätten und Schulen genutzt werden.

Das Thema solle von der frühkindlichen Bildung über die Schule bis zu den Volkshochschulen thematisiert werden. Dialekte müssten als wertvolle sprachliche Ressource erkannt werden, teilte die Landesregierung mit. Ein Landespreis für Dialekt wirbt zudem bereits seit dem vergangenen Jahr für das aus Sicht der Landesregierung bedrohte Sprachgut.

Die Gründe

Vor allem junge Menschen sollten aus Sicht von Kulturstaatssekretär Arne Braun (Grüne) ein unverkrampftes Verhältnis zum Dialekt haben. «Dialektsprechen darf nicht stigmatisiert werden.» Im Dialektpreis gebe es deshalb auch die Kategorie «Junge Generation». Gleichzeitig solle Dialekt auch im Schulunterricht verstärkt Thema sein und die Initiative «Mundart in der Schule» mehr Raum bekommen.

«Dialekte sind weit mehr als nur Sprache: Sie sind Ausdruck von Identität, Zusammenhalt und Heimatverbundenheit», hatte Ministerpräsident Kretschmann zuletzt bereits bei der Verleihung des ersten Dialektpreises geworben. «Sie schaffen ein Gefühl der Zugehörigkeit und sind ein gesprochenes Zeichen unseres kulturellen Reichtums.» Diesen Schatz gelte es zu bewahren.

Der Verlust

Doch die Kenntnis der Dialekte droht zunehmend verloren zu gehen. Das liegt zum einen an der wachsenden Mobilität von Menschen. Viele ziehen für Ausbildung oder Beruf in andere Regionen und passen ihre Sprache an, um besser verstanden zu werden. Auch in Schulen und Medien dominiert aus Sicht der Sprachforscher das Hochdeutsche, der Dialekt wird zurückdrängt. Eltern entscheiden sich laut Experten häufig bewusst dagegen, ihren Kindern den Dialekt beizubringen – aus Angst, der könnte später im Berufsleben Nachteile bringen.

Der soziale Aufstieg war bislang ebenfalls ein Faktor: Dialekt werde mit ländlicher Herkunft oder geringer Bildung assoziiert, Hochdeutsch hingegen mit Professionalität. Gleichzeitig verliert der Dialekt in Städten nach Angaben des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen besonders schnell an Boden, wo viele unterschiedliche Kulturen und Sprachen aufeinandertreffen. In ländlichen Regionen halte er sich zwar besser, aber auch dort schwinde er langsam.

Im Internet wird zudem kaum Dialekt geschrieben, überregionale Medien und soziale Netzwerke setzen sprachliche Standards. So verschwinden viele regionale Sprachfärbungen aus dem Alltag – und der Nachwuchs wächst ohne sie auf.

Nach einer bereits älteren Studie des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen etwa sprechen nur noch 11 bis 15 Prozent der Grundschüler Dialekt. Demnach geht die regionale Färbung vor allem in den Städten deutlich verloren. Rückzugsgebiet sei unter anderem der schwäbische Raum. In der Studie waren fast 13.600 Schülerinnen und Schüler aus annähernd 700 Klassen sowie mehr als 705 Lehrkräfte befragt worden.

Die Dialekte

In Baden-Württemberg gibt es nach Meinung der Sprachexperten zwei Großdialekte: Fränkisch im nördlichen Drittel und Alemannisch in den südlichen zwei Dritteln. Sie teilen sich jeweils in Untergruppen, diese fächern sich wiederum in viele regionale Mundartformen auf.

So gehört das Kurpfälzische, das im Raum um Mannheim und Heidelberg gesprochen wird, zum rheinfränkischen Dialektraum. Auch das Hohenlohische ist eine fränkische Mundart. Sie wird insbesondere in den Landkreisen Schwäbisch Hall, Hohenlohekreis und Bad Mergentheim gesprochen. Alemannische Dialekte, das Badische und Schwäbische, werden im südlichen Landesteil gesprochen, etwa südlich der Linie Rastatt, Pforzheim, Backnang, Ellwangen.

 

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