News
„Kein Wasser da“: Binnenschiffer trotzt dem Niedrigwasser

News „Kein Wasser da“: Binnenschiffer trotzt dem Niedrigwasser

Quelle: René Priebe/dpa
dpa

Binnenschiffer Patrick Mnich fährt auch bei extremem Niedrigwasser noch über den flachen Rhein. Wo seine größten Herausforderungen liegen und was er tut, wenn er statt Wasser Kies unter sich hat.

Für Binnenschiffer Patrick Mnich ist das Niedrigwasser deutlich spürbar. Er sitzt im roten Steuerhaus seines Schiffes, der GMS Kallisto, während er über den Oberrhein steuert und erklärt: «Ich möchte gerne Gas geben und es geht nicht, weil, es ist kein Wasser da.» Seine Schiffsschraube braucht ausreichend Wasser seitlich und unter dem Schiff, um Tempo zu machen – doch das sei zurzeit knapp.

Stellenweise lägen nur 30 bis 40 Zentimeter zwischen dem Flussgrund und der GMS Kallisto. Wenn das der Fall ist, wirbelt Mnich mit seiner Schiffschraube schon Kies auf, sagt er. Dann helfe nur: Noch langsamer machen. Sonst könne das Schiff im schlimmsten Fall aufsetzen und liegen bleiben. «Ich kann Gas geben und werde langsamer, weil ich mich dann am Grund festsauge», meint er.

Nach Angaben des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Oberrhein (WSA) sind die Pegelstände am Oberrhein seit Anfang Juni vergleichsweise niedrig. Ursache seien fehlendes Schmelzwasser aus den Bergen und ausbleibender Regen. Eine kurzfristige Besserung sei nicht in Sicht.

Langsam und mit wenig Ladung unterwegs

Mnich ist rheinaufwärts unterwegs nach Kehl. Der 33-Jährige transportiert Maschinenteile für Windkraftanlagen, die er vor mehr als einer Woche in Magdeburg geladen hat. Heute Morgen ist er in Mannheim losgefahren; morgen früh muss er die Ladung in Kehl löschen. Schon jetzt weiß er: Es wird ein langer Tag. Besonders der Rhein-Abschnitt hinter Mannheim hat ihn Zeit gekostet. Stellenweise kommt er nur sehr langsam voran. «Da sind wir leider auch über einen Kieshaufen gerutscht», erzählt er. Für die Strecke bis Kehl werde er heute wohl 14 statt sonst 9 Stunden brauchen.

Wie stark das Niedrigwasser seine Fahrt beeinflusst, zeigt auch seine Ladung. «Das sollten sechs Teile sein, jetzt habe ich drei drin», sagt Mnich über die Menge der Maschinenteile. Sein Schiff kann eigentlich 1.570 Tonnen laden, derzeit transportiert es aber nur 150 Tonnen – rund zehn Prozent seiner Kapazität. Bei Niedrigwasser würde es sonst zu tief eintauchen. Je sieben Tonnen Ladung sinkt die MS Kallisto um einen Zentimeter tiefer ins Wasser.

Grundsätzlich dürften derzeit nahezu alle Transporte nur mit reduzierter Ladung durchgeführt werden, heißt es auch aus dem baden-württembergischen Verkehrsministerium. Die maximale Auslastung der Binnenschiffe liege aktuell bei 20 Prozent.

Fahrt auf eigenes Risiko

Mnich kann bei dem «kleinen Wasser», wie er es nennt, noch fahren. Die 80 Meter lange GMS Kallisto habe vergleichsweise wenig Eigengewicht und liege flach genug. Anders als größere Schiffe. Sein Bruder etwa, ebenfalls Binnenschiffer, sitze im Duisburger Hafen fest. Der kann nicht weiterfahren, weil sein Schiff zu tief eintauchen würde, erzählt Mnich.

Nach Angaben der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt gibt es keine Grenze, ab der Schiffe bei Niedrigwasser nicht mehr fahren dürfen. Die Verantwortung dafür, ob ein Schiff fährt und wie viel es lädt, liege beim Schiffsführer. Demnächst sollen die Pegelstände noch weiter sinken. Mnich vermutet deshalb, dass einige Schiffsführer nun mehr riskieren könnten, «um noch mal ein bisschen mehr zu verdienen».

Auch Mnich muss als Schiffsführer jeden Tag aufs Neue abwägen. Nach diesem Auftrag soll er Tierfutter in Weinheim am Neckar abholen. Wie viel davon er laden kann, weiß er noch nicht. Das werde er kurzfristig anhand der Prognosen entscheiden müssen.

Angst vor Kundenverlust

Laut dem WSA Oberrhein werde der Transport mit zu geringer Fracht irgendwann unwirtschaftlich. Aber die Produktion bei den Unternehmen müsse dennoch weiterlaufen. Deshalb müssten Unternehmer im Südwesten auf andere Verkehrsmittel ausweichen oder Waren einlagern, erklärt das Landesverkehrsministerium. Auch Baden-Württemberg hat inzwischen das Sonntagsfahrverbot für Lastwagen aufgehoben, um die Folgen des Niedrigwassers abzufedern. Das Landesverkehrsministerium spricht von einer angespannten Lage am Rhein.

Mnich kommt zurecht, er könne noch fahren und habe Aufträge. Aber: «Auf lange Sicht ist es nicht toll für uns», sagt er. Eigentlich hätte er in der kommenden Woche Konstruktionsteile in Aschaffenburg abholen sollen. Doch sein Kunde habe den Auftrag storniert, weil ihm die Situation derzeit zu unsicher sei.

GMS Kallisto fährt weiter

Ob er ab einem bestimmten Wasserstand nicht mehr fahren würde, weiß Mnich nicht. Das habe er noch nie ausprobiert. «Erfahrung macht klug, ne?», meint er. Er sorgt sich stattdessen eher die Auswirkung der Niedrigwasser-Berichterstattung auf seine Kunden. Anfang der Woche hatte der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) erklärt, dass der Rhein wegen der niedrigen Pegelstände im Prinzip nicht mehr durchgängig befahrbar sei. Die Aussage sieht Mnich kritisch: «Das ist halt meiner Meinung nach nicht gut, sowas zu sagen, weil es hört sich halt einfach sehr radikal an.»

Seine Hoffnung für die nächste Zeit: «Also, wenn wir einen halben Meter mehr Wasser hätten, wäre ich schon sehr dankbar. Nicht für mich, sondern damit die Kundschaft wieder aufs Wasser zurückkommt», erklärt er.

 

Weitere Nachrichten

Bundesgerichtshof in Karlsruhe entlastet Kaskoversicherer beim Werkstattrisiko

Sind Kaskoversicherer für übertrieben hohe Werkstattkosten zuständig? Nein, entschied der BGH. Was Versicherungsnehmer jetzt beachten sollten.

Warum Luchs "Nero" besonders ist - und welche Mission er hat

Im Schwarzwald leben nun 14 erwachsene Luchse. Manche kommen aus zoologischen Einrichtungen. Warum das wichtig ist und worum es bei der Auswilderung geht.

15 ungewöhnliche Orte am "Tag des offenen Denkmals" in Baden-Württemberg

Von der historischen Fähre auf dem Bodensee bis zum Eiskeller in Markgröningen: Diese Denkmäler erzählen spannende Geschichten aus Technik und Alltag.

Augenscreening bei dm - Gericht fragt zu Gesundheitsgefahren

Ein Augenscreening für 14,95 Euro, während man eigentlich gerade Windeln, Make-up oder vegane Landjäger einkauft? Am Landgericht Karlsruhe geht es darum, ob ein Angebot von dm rechtlich zulässig ist.

Versuchter Totschlag? Junge stürzt von Karlsruher Brücke - Zeugensuche bei «Aktenzeichen XY…»

Es gibt bis zu 5.000 Euro Belohnung. Worum es bei dem Fall aus Karlsruhe geht, den das ZDF nun vorstellt. Und worauf die Ermittler hoffen.

Sechs Jahre nach Verschwinden: "Da ist einfach nichts" – Vater sucht vermisste Scarlett

Noch immer fehlt von Scarlett Salice jede Spur. Im Jahr 2020 verschwand die junge Frau beim Wandern im Südschwarzwald. Ihr Vater gibt nicht auf und sucht weiter nach ihr.






















Auch interessant


Falls Ihnen inhaltliche Fehler oder Fehlfunktionen auffallen, einfach bei redaktion@meinka.de melden.