News
Krankenkasse teilt mit: Deutlich mehr Demenzfälle in Baden-Württemberg

News Krankenkasse teilt mit: Deutlich mehr Demenzfälle in Baden-Württemberg

Quelle: Alexander Heinl/dpa
dpa

Bis 2040 steigt die Zahl der Demenzkranken in Baden-Württemberg um fast ein Viertel. Was das für Kliniken, Angehörige und Patienten bedeutet – und warum schnelle Lösungen gefragt sind.

Weil die Gesellschaft älter wird, werden in Baden-Württemberg in den nächsten Jahren deutlich mehr Menschen mit Demenz leben – und das spüren auch die Kliniken. Zwischen dem kommenden Jahr und 2040 rechnet die Krankenkasse Barmer mit rund 25 Prozent mehr Krankheitsfällen. Schon heute kommen Demenzkranke überdurchschnittlich oft als akute Notfälle ins Krankenhaus. Das geht aus dem neuen Barmer-Krankenhausreport 2025 hervor.

Demnach lebten 2023 im Südwesten nach Hochrechnungen rund 196.000 Menschen mit Demenz. Vom kommenden Jahr bis 2040 wird diese Zahl laut Report um fast ein Viertel auf rund 256.000 steigen. Hauptgrund ist der demografische Wandel. Baden-Württemberg liegt dabei noch unter dem Bundesdurchschnitt, unter anderem wegen der im Schnitt jüngeren Bevölkerung.

 

Demenz verändert den Alltag

Demenz ist keine normale Altersvergesslichkeit. Betroffene verlieren nach und nach Fähigkeiten, die für den Alltag selbstverständlich sind: Sie finden sich nicht mehr zurecht, vergessen Termine oder erkennen vertraute Menschen nicht wieder. Die Erkrankung betrifft damit nicht nur das Gedächtnis, sondern greift tief in das tägliche Leben ein – auch für Angehörige, die immer mehr Verantwortung übernehmen müssen.

Für die Kliniken hat diese Entwicklung spürbare Folgen, sagte der Barmer-Landesgeschäftsführer Winfried Plötze. Menschen mit Demenz müssen häufiger ungeplant ins Krankenhaus als andere ältere Patientinnen und Patienten. Mehr als die Hälfte dieser Aufnahmen ist akut, etwa wegen Infektionen, Stürzen oder einer plötzlichen Verschlechterung des Allgemeinzustands.

 

Belastende Zeit in der Klinik

2017 wurden in Baden-Württemberg noch rund 128.000 Menschen mit Demenz stationär behandelt. Während der Corona-Pandemie sank die Zahl deutlich und lag 2023 bei etwa 94.000. Der Report geht jedoch davon aus, dass die Fallzahlen mit der alternden Gesellschaft wieder steigen und bis 2040 erneut mehr als 100.000 erreichen werden – also etwa das Niveau vor der Pandemie.

Ein Krankenhausaufenthalt ist für Demenzkranke besonders belastend. Ungewohnte Umgebungen, neue Gesichter und der Wegfall vertrauter Abläufe können den Gesundheitszustand weiter verschlechtern. Laut Barmer werden sechs Prozent der demenzkranken Klinikpatienten nach dem Aufenthalt in einen höheren Pflegegrad eingestuft, elf Prozent sterben während oder kurz nach der Behandlung. Zudem steigt das Risiko eines Delirs, eines Zustands der Verwirrtheit, deutlich an.

 

Krankenhäuser nicht vorbereitet

Nach Einschätzung von Plötze ist das Gesundheitssystem auf diese Entwicklung bislang nur unzureichend vorbereitet. Spezielle demenzsensible Stationen, sogenannte Special Care Units, gibt es nur selten. Sie verfügen über angepasste Abläufe, geschultes Personal und eine Umgebung, die auf Orientierung und Ruhe ausgelegt ist. In Baden-Württemberg existieren nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie lediglich fünf solcher Einheiten, eine davon im Stuttgarter Robert Bosch Krankenhaus.

Dessen Geschäftsführer Mark Dominik Alscher warnt davor, dass das Gesundheitssystem nicht ausreichend auf den tatsächlichen Bedarf eingestellt ist. «Es besteht das Risiko, dass wir die Strukturen künftig am tatsächlichen Bedarf – auch mit Blick auf die Demenz – vorbei planen», sagt er. Der starke Fokus auf Kostensenkung gehe zulasten einer vorausschauenden Planung. «Wir haben gegenwärtig ein System, das krampfhaft versucht, Kosten zu reduzieren, anstatt gezielt neue Strukturen aufzubauen und damit Folgekosten zu vermeiden», meint Alscher.

 

Enormer Nachholbedarf

Wie groß der Nachholbedarf ist, zeigen Zahlen der Krankenkasse Barmer: Bundesweit wird laut Report nur etwa jeder zwanzigste demenzkranke Klinikpatient in einem Krankenhaus mit speziellem Demenzkonzept behandelt. Aus Sicht von Krankenkasse und Fachleuten ist deshalb rasches Handeln nötig – sowohl beim Ausbau demenzsensibler Strukturen als auch beim Ziel, Krankenhausaufenthalte möglichst zu vermeiden.

Dafür brauche es mehrere Ansatzpunkte: eine bessere Prävention, eine frühzeitige medizinische Betreuung sowie aufmerksame Angehörige und Hausärzte. In der Praxis scheitere es allerdings häufig schon daran, eine beginnende Demenz überhaupt zu erkennen. Warnzeichen würden übersehen oder als normale Alterserscheinungen abgetan – mit Folgen für die weitere Versorgung, sagt Alscher.

 

Gesunder Lebensstil senkt Risiko

Demenz habe zudem nicht immer eine genetische Ursache, betont Barmer-Chef Plötze: «Deshalb hat jeder die Möglichkeit, das Krankheitsrisiko durch einen gesunden Lebensstil zu reduzieren.» Bewegung, ausgewogene Ernährung, geistige Aktivität und aufmerksame medizinische Betreuung spielten dabei eine zentrale Rolle.

 

Weitere Nachrichten

Azubis kämpfen laut Umfrage mit Druck und Geldsorgen

Leistungsdruck, Geldsorgen und private Belastungen: Eine DGB-Umfrage zeigt, womit viele Auszubildende in Baden-Württemberg kämpfen.

Karlsruhe mit dabei! Diese drei Städte fahren bei E-Bussen voraus

In vielen Städten dominieren Dieselbusse, doch manche Kommunen gehen einen anderen Weg. Die Spitzenreiter bei einer Auswertung kommen allesamt aus Baden-Württemberg - und haben klare Ziele für 2030.

Ausbildungsfinanzierung: Mehr als 60.000 Bafög-Empfänger – Zahl auf Tiefstand

2025 erhielten so wenige Menschen Bafög wie seit 25 Jahren nicht mehr. Gleichzeitig soll die monatliche Förderung für Studierende und Schüler ansteigen.

Cold Case: 41 Jahre ungelöst - 70-Jähriger wegen Mordes nun vor Gericht

1985 wird die nackte Leiche einer Frau gefunden. Jetzt muss ein 70-Jähriger wegen Mordes vor Gericht. Was er zu den Vorwürfen sagt.

Wurde er angefahren? Identifikation von totem Wolf am Schluchsee abgeschlossen

Nach dem Fund eines verletzten Wolfsrüden am Schluchsee steht fest: Es handelt sich um das dort ansässige Tier. Was mit ihm passiert ist - und was das für die Wolfspopulation im Südwesten bedeutet.

Pilotprojekt: Fast tausend Übergriffe – Bahn setzt auf Bodycams mit Ton

Beschimpft, bespuckt, geschlagen: Beschäftigte im Zug erleben immer wieder Übergriffe. Können Tonaufzeichnungen helfen, Konflikte zu entschärfen und Straftaten besser aufzuklären?



















Auch interessant


Falls Ihnen inhaltliche Fehler oder Fehlfunktionen auffallen, einfach bei redaktion@meinka.de melden.