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Pilotprojekt in Karlsruhe: Alte in Armut – Wie gesunde Ernährung gesichert werden kann

News Pilotprojekt in Karlsruhe: Alte in Armut – Wie gesunde Ernährung gesichert werden kann

Quelle: Friso Gentsch/dpa/Illustration
dpa

Jede fünfte Person ab 65 lebt in Armut. Ein Pilotprojekt in Karlsruhe will mit warmen Mahlzeiten und Beratung gegensteuern. Was steckt hinter dem «sozialen Rezept» und was bringt es den Betroffenen?

Einsam, alt, hungrig – aber das Geld reicht kaum für eine gesunde Mahlzeit. Bei Senioren kommen oft viele Probleme zusammen. «Wenn die Grundbedürfnisse einer gesunden Ernährung, eines sicheren, bezahlbaren Heims und gesellschaftlicher Teilhabe nicht gegeben sind, kann von einem Leben in Würde kaum die Rede sein», erklärte der Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Baden-Württemberg, Ulf Hartmann, Anfang des Monats anlässlich der Präsentation des Armutsberichts.

Ältere Menschen (65 plus) sind demzufolge – wie etwa auch Alleinerziehende – überdurchschnittlich von Armut betroffen. «Pläne zur Reduktion der Altersarmut sucht man aktuell bei der Regierung vergebens», heißt es in dem Bericht des Gesamtverbands. «Der Lebensabend droht zur Armutsfalle zu werden.»

Die Armutsquote in der Altersgruppe liegt den Angaben nach deutschlandweit bei 19,5 Prozent, bei Frauen über 75 Jahren sind es sogar 21,3 Prozent. Heißt in Worten: «Damit ist inzwischen etwa jede fünfte Person ab 65 Jahren von Armut betroffen.» Das bedeutet laut der Definition, dass ihr Einkommen nicht ausreicht, um in angemessener Weise an der Gesellschaft teilhaben zu können.

Für Baden-Württemberg liefert der Bericht zwar keine nach Altersgruppen aufgeschlüsselten Zahlen. Insgesamt ist die Armutquote hier mit 13,2 Prozent im Bundesländervergleich hinter Bayern (12,6 Prozent) die zweitniedrigste. Auch hier aber gehören ältere Menschen zu den besonders betroffenen Gruppen.

Nach Zahlen des Statistischen Landesamts leben fast 2,5 Millionen Menschen in Baden-Württemberg, die 65 Jahre und älter sind. Das macht demzufolge einen Anteil von mehr als einem Fünftel (22 Prozent) an der Bevölkerung aus.

Pilotprojekt zum «sozialen Rezept»

Um gerade alten, mitunter auch einsamen Menschen in Armut zu helfen, wird in Karlsruhe nun ein besonderes Konzept getestet: soziale Teilhabe auf Rezept.

Zwei Hausarztpraxen können Patienten «soziale Rezepte» verschreiben. Damit können diese bei der Kulturküche Karlsruhe und dem AWO-Wohncafé im Stadtteil Rintheim ein warmes, gesundes Mittagessen bekommen. Und eine fachkundige Sozial- und Teilhabeberatung: eine Ansprechperson, die zuhört und entweder zu konkreten Beratungsstellen etwa für Wohngeldanträge oder zu niedrigschwelligen sozialen Angeboten in Wohnortnähe vermitteln kann.

Das Pilotprojekt geht auf gleich mehrere gesellschaftliche Probleme ein, etwa dass immer mehr Menschen in Deutschland von Armut bedroht sind. «Ihre Lebenssituation ist häufig gekennzeichnet durch einen schlechteren Gesundheits- und Ernährungsstatus, eine ungünstigere Wohnsituation und eine geringere gesellschaftliche Teilhabe», heißt es beim Max Rubner-Institut (MRI), dem Bundesfeinsamorschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel.

Bei älteren Menschen komme erschwerend hinzu, dass sie kaum Möglichkeiten hätten, aus der Armut herauszukommen. «Denn unzureichende Altersvorsorge kann nicht rückgängig gemacht werden und körperliche Einschränkungen führen zu verringerter Fähigkeit eines Hinzuverdienstes.» Daher habe die Verbesserung ihrer Situation eine große gesellschaftliche Relevanz.

Im Forschungsprojekt «Ernährungs- und Lebenssituation von Seniorinnen und Senioren in Armut» entstand den Angaben nach die Idee zu dem Versuch mit den «sozialen Rezepten». Die zunehmende Einsamkeit sei oft mit einer kleinen Rente verbunden, weshalb viele Menschen aufgrund des Sparzwangs jahrelang sozial zurückgezogen lebten, teilte das MRI mit. Hausarztpraxen seien oft die einzigen Anlaufstellen, die die Betroffenen regelmäßig aufsuchen.

«Armut ist keine Naturgewalt»

Damit diese auch an nicht-medizinische Angebote weiter verweisen können, gibt es schon länger die Idee vom «Social Prescribing», dem «sozialen Rezept». Das wird auch in verschiedenen Städten und anderen Zusammenhängen erprobt. Die Charité in Berlin etwa koordiniert ein europaweites Projekt dazu.

In Karlsruhe soll der Test sechs Monate laufen. «Uns interessiert natürlich, ob das soziale Rezept auch funktioniert», erklärte Sozialwissenschaftlerin Tanja Kaufmann vom MRI laut Mitteilung. «Konnten die Nutzerinnen und Nutzer damit wirklich neue Sozialkontakte knüpfen und geht es ihnen ein wenig besser?» Die Kosten für die Teilnahme an den Mittagstischen und die Beratungsgespräche trägt bei dem Pilotprojekt die Stadt Karlsruhe.

Am Ende sollen die Erkenntnisse in einen Aktionsplan mit praxisnahen Maßnahmen fließen, um die Teilhabe älterer Menschen mit wenig Geld gerade mit Blick auf die Ernährung zu verbessern. Damit ist 2027 zu rechnen.

Anlaufstellen für Betroffene spüren seit Jahren, dass sich die Armut verschärft. Ulf Hartmann vom Paritätischen betonte: «Armut ist keine Naturgewalt.» Sie sei das Ergebnis politischer Entscheidungen – und könne durch solche verändert werden. Auch mit Blick auf die neue Landesregierung sagte er: «Es braucht eine Armutsstrategie, die alle Lebensphasen berücksichtigt.»

 

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