News aus Baden-Württemberg
Kultusministerin bedauert schleichenden Abschied des Dialekts

News aus Baden-Württemberg Kultusministerin bedauert schleichenden Abschied des Dialekts

Quelle: Tobias Kleinschmidt
dpa

Die einen sagen dazu Pfiatde, andere Ade: Der Dialekt nimmt Abschied aus den Regionen. Auch, wenn es noch weit hin ist bis zum Aussterben, wirbt Kultusministerin Eisenmann vehement für die Regionalsprachen. Schulen nimmt sie nicht aus – das geht den Lehrern dann doch zu weit.

Kein Fränkisch im Klassenraum, kaum Schwäbisch auf dem Schulflur und nur wenig Alemannisch auf dem Pausenhof: Kultusministerin Susanne Eisenmann bedauert den schleichenden Abschied der Dialekte aus dem Unterricht und macht sich stark für die Mundart im Alltag und in den Schulen. «Dialekt gehört für mich mehr denn je dazu», sagte die CDU-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur. «Denn wenn Dialekt verschwindet, verschwindet mehr als nur Sprache. Es verschwindet auch das Wissen darüber.» Sprache habe mit der eigenen Geschichte zu tun. «Wer Dialekt spricht, spricht Herkunft.»

Ihr seien Fälle bekannt, in denen Eltern bei der Anmeldung an der Schule gezielt nach hochdeutschem Unterricht gefragt hätten, sagt die Ministerin. Das Argument der Eltern: Man könne dann ja beim Kind später nicht hören, wo es herkomme.

«Für mich ist das Thema inzwischen auch eine Frage des Selbstbewusstseins», sagt Eisenmann, die auch CDU-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl ist. «Die Bayern haben zum Beispiel einen ganz anderen Umgang damit. Der Dialekt wird dort viel selbstbewusster genutzt.» Dabei sei es doch schön, durch die Färbung herauszuhören, ob jemand aus der Kurpfalz stamme, von der Schwäbischen Alb oder aus Stuttgart. «Das sollten wir nicht vermeiden oder unterdrücken.»

Prominente baden-württembergische Landespolitiker gehen mit gutem Beispiel voran: CDU-Generalsekretär Manuel Hagel etwa spricht breitesten schwäbischen Dialekt, während Sozialminister Manne Lucha (Grüne) den Dialekt seiner oberbayerischen Heimat nie abgelegt hat. Fraktionsübergreifend brachten Abgeordnete vor zwei Jahren einen Antrag im Landtag ein, in dem sie sich für den Erhalt von Dialekten stark machten.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), der ebenfalls offen schwäbelt, hat die Förderung der Dialekte zwischenzeitlich zur Chefsache erklärt: Im Dezember 2018 lud er Mundartsprecher und -freunde zu einer Dialekttagung unter dem Motto «Daheim schwätzen die Leut» ein. Es folgte ein Runder Tisch Dialekt.

«Der schwäbische Dialekt ist für mich bis heute eine sprachliche Heimat», schreibt Kretschmann in einem neuen Grußwort für einen Mundart-Preis. «Deshalb spreche ich gerne auch vom Dialekt als einer Art mobilen Heimat, die man überallhin mitnimmt und die einen meist nie ganz verlässt.» Nur wenn die Menschen Lust hätten und sich frei fühlten, Dialekt zu sprechen, lasse sich dieser kulturelle Schatz langfristig bewahren.

Mit ihrem Appell für den Unterricht beißt Ministerin Eisenmann bei der Lehrer-Gewerkschaft und selbst bei Mundartsprechern dennoch auf Granit: «Lehrer sollten gute Sprachvorbilder sein, weil Kinder und Jugendliche dann leichter die Sprache lernen können», sagt Doro Moritz, die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

«Schule hat den Auftrag zu vermitteln, sich schriftlich und mündlich so auszudrücken zu können, dass man gesellschaftlich und beruflich erfolgreich sein kann.» Moritz hat ihre eigenen Erfahrungen gemacht: Als junge Deutschlehrerin sprach sie im Unterricht auch viel Dialekt, bis ein Schulrat sie darauf aufmerksam machte, wie sich die Gewerkschaftschefin erinnert.

Wolfgang Wulz vom Verein Schwäbische Mund.art ist zwar begeistert von den Dialekten, im Unterricht haben sie allerdings auch seiner Ansicht nach zumindest bei Lehrern keinen größeren Platz: «Es sollte auf Hochdeutsch unterrichtet werden, obgleich natürlich auch mit einem mundartlichen Einschlag. Aber es ist auch wichtig, Kinder und Jugendliche nicht einzuschränken, wenn sie in einem Dialekt sprechen.» Dialekte müssten vor allem als Lehrstoff im Unterricht behandelt werden, es müsse über ihre Rolle gesprochen werden und über ihre Bedeutung für den Heimatgedanken.

Zumindest die Wissenschaftler scheinen keinen Nachteil in Dialekten an den Schulen zu sehen: Nach der Antwort des Staatsministeriums auf eine Landtagsanfrage haben Experten herausgefunden, dass Menschen einen sprachlichen Vorteil haben, wenn sie zweisprachig oder eben auch mit Schriftsprache und Dialekt zugleich aufwachsen. «Untersuchungen aus Bayern belegen: Kinder, die sowohl Schriftsprache als auch Dialekt sprechen, machen rund 30 Prozent weniger Fehlerin der Rechtschreibung», heißt es in der Antwort. Die junge Zielgruppe sei zwar besonders wichtig, wenn es ums Fördern von Dialekten geht.

Hubert Klausmann vom Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft Tübingen erforscht seit über 30 Jahren Mundarten im süddeutschen Raum. Hochdeutsch? Das gebe es nicht, sagt er, das sei nichts als ein Klischee. Jeder Region habe ihre Sprachvariante – und so sei das auch im Raum Hannover, der gemeinhin mit dem Hochdeutschen verbunden werde.

Klausmann sieht keine Nachteile für die Rechtschreibung, wenn im Unterricht in einem Dialekt gesprochen wird. «Es gibt keine Studie, die einen Einfluss bestätigt. Wäre das so, dann würde die ganze Schweiz die Rechtschreibung nicht beherrschen.» Dialekt schade niemandem – egal ob es der Lehrer spreche oder der Schüler. «Das müssen wir aufgeklärter betrachten, wir dürfen nicht ausgrenzen und auch nicht gleich herunterbügeln.»

 

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