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Mogeln statt Büffeln: So oft wird in Fahrschulen betrogen

Nachrichten Mogeln statt Büffeln: So oft wird in Fahrschulen betrogen

Quelle: Sebastian Gollnow/dpa
dpa

Der Weg zum Führerschein ist mühsam. Zahllose Theoriefragen – und am Ende stehen viele Neulinge mit leeren Händen da. Für den Erfolg wird manch einer zum Betrüger. Kriminelle machen damit Kasse.

Marcellus Kaup erzählt von gefälschten Dokumenten, von versteckten Mini-Kameras in Brillengestellen, Krawatten und Haarspangen oder auch von Prüflingen, die beim Schummeln mit Knopf im Ohr erwischt werden. Ein wenig kommt man sich da vor wie beim Erfahrungsaustausch im Lehrerzimmer. Aber als TÜV-Experte kennt sich Kaup vor allem in Fahrschulen aus.

Und dort, sagt er, gibt es beim Mogeln und Betrügen eigentlich nichts, was es nicht gibt. Immer raffinierter und immer aufwendiger werden die Betrugsversuche, die bei der theoretischen Führerscheinprüfung auffliegen.

 

Organisierte Kriminalität im Prüfungsraum

Schlimmer noch: Zunehmend decken Ermittler und Gerichte ein weit verzweigtes System der organisierten Kriminalität auf, das den Betrug bei der Führerscheinprüfung im Rundum-Sorglos-Paket anbietet – ein deutschlandweites Millionengeschäft. Der TÜV-Verband geht davon aus, dass inzwischen gut jeder zweite Fall (53 Prozent) professionell organisiert ist.

Derzeit richtet sich der Blick der Branche vor allem auf Heilbronn. Denn dort setzt sich das Landgericht nach mehreren kleineren Prozessen nun mit den mutmaßlichen Drahtziehern eines solchen Netzwerks auseinander.

 

Heilbronn im Brennpunkt der Ermittlungen

In dem Fall, der vom 9. April an verhandelt wird, soll der Inhaber einer Heilbronner Fahrschule ein besonders aufwendiges System mit sogenannten Stellvertreter-Prüfungen aufgebaut haben. Für Interessenten, vor allem aus Bulgarien, wurden passende, möglichst ähnlich aussehende Doppelgänger gesucht. Verfahren laufen auch gegen Vermittler und Stellvertreter.

Auf der Heilbronner Anklagebank sitzen insgesamt fünf führende Köpfe einer Bande, darunter zwei Fahrschulinhaber. Sie sollen mehr als 179.000 Euro durch die Stellvertreter-Prüfungen eingenommen haben. Ihr System: Der Betreiber bot laut Staatsanwaltschaft bereits seit 2022 solche Prüfungen mit Doppelgängern an und arbeitete mit einem ebenfalls angeklagten Komplizen zusammen, der ihm Interessenten vermittelt haben soll.

 

Doppelgänger als zahlende Stellvertreter

Ein Dritter soll die Organisation der ähnlich aussehenden Stellvertreter übernommen haben. Dafür soll der Mann vom Fahrschulbetreiber die Ausweise der Prüflinge bekommen haben, um dann passende Stellvertreter zu finden. Auch eine Fahrschule in Göppingen soll von dem Geschäftsmodell profitiert haben.

Bei Stellvertreter-Prüfungen wird für einen Prüfling aus einem Pool ein ähnlich aussehender Doppelgänger ausgesucht, der anstelle des Kunden den Test absolviert – und im besten Fall auch besteht. «Das ist ein gut organisiertes Netzwerk, in dem die Stellvertreter regelrecht Termine abarbeiten», erzählt Kaup. «Manche absolvieren bis zu acht Prüfungen am Tag und im ganzen Land.»

 

Fallzahlen sinken – Dunkelziffer bleibt hoch

Bundesweit sind im vergangenen Jahr mehr als 4.200 Täuschungsversuche (4.239) bei theoretischen Prüfungen registriert worden. Das ist ähnlich wie im Jahr zuvor stabil auf Rekordniveau, wie aus den Daten des Tüv-Verbands hervorgeht.

In Baden-Württemberg könnten die Betrüger nicht zuletzt durch den jüngsten Ermittlungserfolg vorsichtiger geworden sein, mutmaßt Kaup. Denn anders als im Bund gehen die Fallzahlen im Südwesten zurück: Fielen im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg noch 392 Prüfungen mit Täuschungsversuchen auf, so waren es in den beiden Jahren zuvor jeweils mehr als 500.

Klar ist aber auch: Die Dunkelziffer ist hoch, weil etliche Betrüger erfolgreich sind. Nicht nur ein Mal, sondern Hunderte Male. «Wir gehen von einem großen Dunkelfeld aus, da mutmaßlich nur ein Bruchteil der Täuschungen entdeckt wird», sagt Fani Zaneta, Referentin für Fahrerlaubnis und Verkehrssicherheit beim TÜV-Verband.

 

High‑Tech‑Schummeln mit Kamera und Ohrknopf

Am häufigsten wurde mit technischen Mitteln betrogen, also etwa mit einer versteckten Kamera im Jackenkragen und einem Funksystem im Ohr – und einem Komplizen. Der sitzt dann meist vor der Fahrschule im Auto und liest über das Kamerabild auf dem Laptop die Fragen auf dem Prüfbogen mit. Die richtigen Antworten flüstert er über einen kaum zu sehenden Kopfhörer, der im Ohr des Führerscheinanwärters versteckt ist. Er kann aber auch einen vibrierenden Impuls auslösen. Dieser wird auf Oberschenkel oder Bauch übertragen, wenn der Prüfling mit der Computermaus über die richtige Antwort fährt.

 

Teures Geschäft mit dem illegalen Führerschein

Ein solcher Weg zum illegalen Führerschein kann teuer werden: Denn wer es unbedingt will, der setzt es auch mit allen Mitteln um. Preise um 15.000 Euro aufwärts seien im Gespräch – abhängig auch davon, ob nur in der Theorieprüfung oder auch beim Praxistest betrogen werde, sagt Kaup. «Nach bestandener Prüfung wird das Honorar gezahlt und man geht wieder getrennte Wege.»

 

TÜV-Verband fordert härtere Strafen für Auftraggeber

Bereits seit Jahren fordert der TÜV-Verband klare Regeln, die auch konsequent von den Behörden angewendet werden. Um wirklich abzuschrecken, sollten Instrumente wie Sperrfristen oder Medizinisch-Psychologische Untersuchungen (MPU) bei organisierten Täuschungsversuchen bundesweit dazugehören. Aus Sicht des Verbands müssen organisierte Täuschungsversuche künftig als Straftat gelten – auch für die Auftraggeber.

 

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