News
Stressiger Kita-Alltag – Gewalt und Mobbing nehmen zu

News Stressiger Kita-Alltag – Gewalt und Mobbing nehmen zu

Quelle: Sebastian Gollnow/dpa
dpa

Angriffe, Mobbing, Überforderung: Immer mehr Kita-Kinder zeigen auffälliges Verhalten. Was steckt dahinter – und wie erleben Fachkräfte diese Herausforderungen im Alltag?

Kratzen, beißen, treten, hauen. Schreien, brüllen, ausrasten, Sachen durch die Gegend werfen. Beileibe nicht alle Kita-Kinder spielen leise, fröhlich, fair und voller Empathie vor sich hin. Das zeigen steigende Zahlen von Meldungen von auffälligem Verhalten an die zuständigen Behörden. Die Gründe für den Anstieg sind vielschichtig. Und auch gewaltvolles Verhalten von Eltern oder Überforderung von Fachkräften stressen im Kita-Betrieb.

Welche Arten von Gewalt und gewaltvollem Verhalten gibt es eigentlich?

Im Kita-Alltag gebe es unterschiedlichste Formen von Konflikt und Emotion, sagt dazu Anja Braekow vom Verband Kitafachkräfte Baden-Württemberg. Es könne ein Vater sein, der sich lautstark über geänderte Öffnungszeiten beschwere. Es könnten blaue Flecken sein, die eine Erzieherin nach einem körperlichen Konflikt mit einem Kind davontrage. Es könne eine laute Ansprache der Erzieherin an das Kind sein. «Gewalt lässt sich nicht allein an körperlichen Handlungen festmachen – sie kann auch in Sprache, Strukturen oder im Umgang miteinander entstehen», erläutert sie. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nehmen demnach wahr, dass Konflikte und Spannungen zunehmen.

Steigen die Zahlen der aus Kindertagesstätten oder Kindergärten gemeldeten Vorfälle?

Es kommt darauf an, wen man fragt. Das Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) hatte Anfang Januar dieses Jahres eine Befragung zu diesem Thema mit Antworten von fast 1.500 niedersächsischen Kita-Leitungen gemacht. Ergebnis: Rund 60 Prozent der Befragten stellten eine starke Zunahme auffälliger Kinder fest – im Fachjargon: Kinder mit herausforderndem Verhalten. Auch das Familienministerium in Nordrhein-Westfalen hatte für 2023 und das erste Halbjahr 2024 von steigenden Meldungen an die Landesjugendämter berichtet.

Laut dem Bundesfamilienministerium liefert die amtliche Kinder- und Jugendhilfestatistik keine Auskunft über aggressives Verhalten von Kindern in Kindertageseinrichtungen untereinander oder gegenüber Betreuungspersonen. Auch liegen nach Worten einer Sprecherin keinerlei Hinweise darauf vor, dass Vorfälle von aggressivem Verhalten von Kindern gegenüber pädagogischen Fachkräften ein zunehmendes Problem seien.

Viele Träger meldeten jedoch zurück, dass das Personal in den Kitas durch «herausforderndes Verhalten» von Kindern stark belastet sei, berichtet der Deutsche Kitaverband. Viele Kitas befassten sich mit dem Thema und suchten nach Strategien für Fachkräfte und Kinder.

«Die Gewalt nimmt zu, verbal und auch körperlich», sagt auch Braekow. «Es gibt sehr viele pädagogische Fachkräfte, die mit blauen Flecken nach Hause gehen und nicht nur die auf der Seele.»

Wie sieht es im Südwesten aus?

In Baden-Württemberg haben sich die Zahlen gemeldeter «Beeinträchtigungen ausgehend von Kindern» drastisch erhöht. Angriffe – nicht nur körperlicher Art – von Kita-Kindern auf Mitarbeitende stiegen Angaben des Kommunalverbandes für Jugend und Soziales (KVJS) zufolge seit 2021 von 9 auf mehr als 80 Fälle im Jahr 2024. Angriffe auf andere Kita-Kinder nahmen im selben Zeitraum von 40 auf 244 Fälle zu. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 531 Fälle, darunter auch verbale Attacken von Kindern auf andere Kinder, gemeldet. Im Jahr 2021 waren es 113.

Welche Erklärungen gibt es für die steigenden Zahlen?

«Gewalt oder Aggression entstehen in erster Linie durch Überlastung, fehlende Strukturen und den Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften», erläutert Braekow. Kinder reagierten auf Überforderung häufig mit einem Verhalten, das als «aggressiv» gedeutet werden könne. Es sei aber oft Ausdruck von Stress, Unsicherheit oder fehlender Bindung.

Eindimensionale Erklärungen verbieten sich, betont auch Karsten Herrmann, Pressesprecher des nifbe. Hinter jedem Verhalten eines Kindes verberge sich ein guter Grund, ein letztlich unerfülltes Bedürfnis. «Nach allem, was wir aus der Praxis hören und was sich auch in unserer Umfrage zeigt, scheint aber tatsächlich bei vielen Kindern die Zündschnur kürzer und die Frustrationstoleranz geringer zu sein als früher, was sicherlich auch mit in vielfacher Hinsicht geänderten Lebensumständen zusammenhängt», erläutert er.

Welche Rolle spielen die Kinderschutzrichtlinien?

Auch die geänderte Gesetzeslage ist mit ein Grund für die gestiegenen Zahlen, berichten die Experten. Seit dem Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG) seien Träger gesetzlich verpflichtet, «Vorfälle» in Kitas – darunter auch solche, die auf eine Gefährdung des Kindeswohls hindeuteten – zu melden. Dadurch seien diese Vorfälle jetzt sichtbarer, sagt der Deutsche Kitaverband.

Was sagen betroffene Kita-Fachkräfte?

«Wir dürfen Kinder nicht am Arm nehmen und in ein anderes Zimmer tun und im Endeffekt Kinder nicht anfassen», sagt eine Erzieherin aus dem Landkreis Karlsruhe. «Wenn man also getreten oder bespuckt wird, muss man das über sich ergehen lassen.» Das sei nicht immer einfach. Sei man zu mehreren, könne man solche Situationen gut entschärfen. Schwierig werde es, wenn man allein mit 30 Kindern zurechtkommen müsse.

«Ich halte es für absolut wünschenswert, dass Kinder unter allen Umständen geschützt werden», betont sie. Es gehe bei Konflikten auch nie darum, Kindern Gewalt anzutun. «Aber jemand mal in einen anderen Raum bringen zu dürfen, das sollte schon möglich sein, auch im Interesse anderer.» Vor allem Mobbing der Kinder untereinander sei leider längst im Kita-Alltag angekommen.

In der Theorie sei es sehr gut, dass Kinder ohne Wenn und Aber geschützt würden. Aber wenn zu wenig Fachpersonal da sei, sei es oft schwierig, Situationen mit aggressiven Kindern in den Griff zu bekommen.

 

Weitere Nachrichten

Azubis kämpfen laut Umfrage mit Druck und Geldsorgen

Leistungsdruck, Geldsorgen und private Belastungen: Eine DGB-Umfrage zeigt, womit viele Auszubildende in Baden-Württemberg kämpfen.

Karlsruhe mit dabei! Diese drei Städte fahren bei E-Bussen voraus

In vielen Städten dominieren Dieselbusse, doch manche Kommunen gehen einen anderen Weg. Die Spitzenreiter bei einer Auswertung kommen allesamt aus Baden-Württemberg - und haben klare Ziele für 2030.

Ausbildungsfinanzierung: Mehr als 60.000 Bafög-Empfänger – Zahl auf Tiefstand

2025 erhielten so wenige Menschen Bafög wie seit 25 Jahren nicht mehr. Gleichzeitig soll die monatliche Förderung für Studierende und Schüler ansteigen.

Cold Case: 41 Jahre ungelöst - 70-Jähriger wegen Mordes nun vor Gericht

1985 wird die nackte Leiche einer Frau gefunden. Jetzt muss ein 70-Jähriger wegen Mordes vor Gericht. Was er zu den Vorwürfen sagt.

Wurde er angefahren? Identifikation von totem Wolf am Schluchsee abgeschlossen

Nach dem Fund eines verletzten Wolfsrüden am Schluchsee steht fest: Es handelt sich um das dort ansässige Tier. Was mit ihm passiert ist - und was das für die Wolfspopulation im Südwesten bedeutet.

Pilotprojekt: Fast tausend Übergriffe – Bahn setzt auf Bodycams mit Ton

Beschimpft, bespuckt, geschlagen: Beschäftigte im Zug erleben immer wieder Übergriffe. Können Tonaufzeichnungen helfen, Konflikte zu entschärfen und Straftaten besser aufzuklären?






















Auch interessant


Falls Ihnen inhaltliche Fehler oder Fehlfunktionen auffallen, einfach bei redaktion@meinka.de melden.