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Zu städtisch gedacht? Was Verkehrswende auf dem Land heißt

News Zu städtisch gedacht? Was Verkehrswende auf dem Land heißt

Quelle: Uli Deck/dpa
dpa

Warum Lösungen aus Großstädten auf dem Land oft nicht greifen. Und welche Wege Kommunalpolitiker für mehr Mobilität im ländlichen Raum sehen.

In Eisingen ist die Verkehrswende oft ausgebucht. Wenn Bürgermeister Sascha-Felipe Hottinger (CDU) aus dem Büro auf die Ladesäule schaut, ist das Carsharing-Auto des Anbieters Deer meist weg. «Es bietet ein hohes Maß an Flexibilität», sagt der Rathauschef der Enzkreis-Gemeinde. «Die Nachfrage ist so groß, dass wir über einen zweiten Standort nachdenken.» Dabei habe es bei der Einführung vor zwei Jahren durchaus Skeptiker gegeben.

So wie in Eisingen kommt die Verkehrswende in vielen Kommunen in ländlicheren Regionen in kleinen Schritten voran. Während sich Menschen in Großstädten darüber aufregen, dass E-Scooter für die «letzte Meile» am Wegesrand liegen oder die Tram wegen Sparmaßnahmen in Randzeiten nur noch alle 20 Minuten kommt, hat Eisingen nicht mal einen Bahnanschluss.

«Der nächste Bahnhof liegt sechs Kilometer entfernt», sagt Hottinger. Dahin führe immerhin ein Radweg. Busse von und nach Pforzheim fahren zweimal die Stunde – zumindest unter der Woche. Von den rund 4.700 Einwohnerinnen und Einwohnern seien knapp die Hälfte Pendler, sagt er. «Das ist ohne Auto kaum machbar.»

Ähnlich schildert es Udo Glatthaar, Oberbürgermeister von Bad Mergentheim (Main-Tauber-Kreis): «Als 25.000-Einwohner-Stadt mit 13 eher dörflich geprägten Stadtteilen, aus denen viele Menschen nur mit dem Auto die Kernstadt erreichen, kann man nicht einfach polarisierend eine „Verkehrswende“ oder das Motto „autofrei“ ausrufen.» Man könne auch nicht ganze Straßenzüge für den motorisierten Verkehr abschneiden.

«Trotzdem können auch Klein- und Mittelstädte hochinnovativ sein», betont der CDU-Politiker. Auf dem Gänsmarkt sei aus einer maroden und klimatisch überhitzten Verkehrskreuzung mit täglich 4.000 Fahrzeugen ein klimaaktiver, begrünter neuer Stadtplatz gemacht worden. «Der ist im Herzen autofrei und gibt Rad- und Fußverkehr mehr Raum», erklärt Glatthaar. Gleichzeitig führen nördlich und südlich Fahrspuren für Autos an den Platz heran.

«Ein typischer Kompromiss für den ländlichen Raum», findet der OB. Weniger Abkürzungsverkehr im Altstadtkern, mehr Aufenthaltsqualität und eine spürbare Verkehrsberuhigung. Aber auch Erreichbarkeit mit dem Auto für Menschen, die darauf angewiesen seien – was nicht zuletzt dem Handel sehr wichtig sei.

Zu städtischer Blick

Muss man also Abstriche machen? «Die Verkehrswende ist im ländlichen Raum möglich, aber sie ist viel aufwendiger – organisatorisch wie finanziell», sagt der Karlsruher Landrat Christoph Schnaudigel, der den Ausschuss für Umwelt, Klima und Mobilität beim Landkreistag Baden-Württemberg leitet. Manche Instrumente seien für den ländlichen Raum nicht brauchbar. Hier werde zu oft aus städtischer Perspektive gedacht.

 

Die geplante Mobilitätsgarantie der alten Landesregierung etwa sah vor, dass in Hauptverkehrszeiten auf dem Land mindestens alle 30 Minuten ein Bus fahren soll, in Ballungszentren alle 15. Im neuen Koalitionsvertrag ist davon keine Rede mehr, was aus Schnaudigels Sicht realistischer ist. Je weiter von großen Städten entfernt, desto schwerer sei so ein Angebot umzusetzen.

Ähnlich negativ bewertet der CDU-Politiker den «Mobilitätspass», mit dem Kommunen eine Abgabe für den Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) erheben können sollen. Wer von Bürgern und Bürgerinnen mehr Geld verlangen wolle, müsste ein besseres Angebot sicherstellen können, sagt er.

Flexible Lösungen

«Das Auto auf der letzten Meile muss ja kein Schaden sein», findet Schnaudigel. Wichtig sei dann, nicht bis nach Karlsruhe oder Stuttgart fahren zu müssen, sondern an einem Park-and-Ride-Platz auf den ÖPNV umsteigen zu können. «Ich brauche wirklich nicht die Mobilitätsgarantie bis zur letzten Haltestelle.»

Immer wichtiger werden aus seiner Sicht gerade auf dem Land sogenannte On-Demand-Angebote – Fahrdienste im ÖPNV ohne festen Fahrplan und starre Routen. So könne man das Thema «letzte Meile» im ländlichen Raum lösen, kombiniert etwa mit Carsharing-Angeboten.

Mit dem Regierungswechsel ist die Verantwortung im Verkehrsministerium von den Grünen zur CDU übergegangen. On-Demand-Verkehre sind im neuen Koalitionsvertrag vereinbart – ebenso wie etwa Ruf- und Bürgerbusse, Mitfahrplattformen, Sharing-Formate oder ein Ausbau des Regiobus-Angebots.

Frage der Finanzierung

«ÖPNV ist Daseinsvorsorge», betont Schnaudigel. «Das ist Lebensqualität, das ist Teilhabe, gerade auch im ländlichen Raum.» Deswegen müsste er zur Pflichtaufgabe der Kommunen erklärt und von Sparmaßnahmen ausgenommen werden. Nur: «Ich sehe derzeit bei Bund und Land nicht den politischen Willen, diese Verkehrswende auch gerade im ländlichen Raum voranzubringen.»

Daher heißt es vor Ort: kleine Brötchen backen. Ob Jobräder, E-Fahrzeuge mit Ladepunkt zu Hause oder Familienverbünde, die sich Autos teilen – der Eisinger Bürgermeister Hottinger sagt: «Das ist ein Thema, das über den Geldbeutel geregelt wird». Prinzipiell sei die Bereitschaft zur Mobilitätswende da, ist er überzeugt. «Es braucht ein paar Leute, die vorangehen.»

 

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