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Experte vom Klinikum Karlsruhe erklärt Cyberchondrie: Googeln, bis man zum Arzt muss

News Experte vom Klinikum Karlsruhe erklärt Cyberchondrie: Googeln, bis man zum Arzt muss

Quelle: Uli Deck/dpa
dpa

Fast jeder hat schon mal im Internet zu Symptomen recherchiert. Doch bei manchen schüren die Ergebnisse Ängste. Was das bedeutet, wer gefährdet ist und was man tun kann.

Die Schmerzen können doch nicht nur Seitenstiche sein! Und wer weiß, was das Kribbeln in den Fingern zu bedeuten hat!? Schnell zwei, drei Klicks im Internet – und schon landen manche in einer Welt von dramatischen Krankheitsverläufen und vermeintlichen Diagnosen. Angst macht sich breit.

Fachleute sprechen von Cyberchondrie. Der Begriff setzt sich zusammen aus Cyber und Hypochondrie. Er beschreibt laut Heiko Graf vom Städtischen Klinikum Karlsruhe ein Phänomen, aber keine klassifizierte Erkrankung.

Bei der Cyberchondrie bestehe eine unbegründete Angst oder eine erhöhte Aufmerksamkeit auf ernste körperliche Erkrankungen, die auf der Kenntnisnahme von Internetinhalten beruhe, erklärt der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin. Daraus könnten sich eine Depression oder eine hypochondrische Störung entwickeln. Letztere sei gewissermaßen die Maximalvariante.

Immerhin sechs Prozent der deutschen Bevölkerung leiden laut einer Studie der Uni Mainz unter starken Gesundheitsängsten. Mit klarer Tendenz: «Man sieht einen Anstieg der Angsterkrankungen in den letzten 30 Jahren», sagt Graf.

 

Hohes Gefährdungspotenzial

«Betroffen sind vor allem unter 35-Jährige», erklärt der Experte. Diese Gruppe nutze das Internet häufiger als etwa über 80-Jährige. Zudem entwickelten sich Angststörungen im jüngeren Lebensalter. «Man ist da noch empfänglicher.»

Aber auch Menschen mit erhöhter Grundängstlichkeit oder solche, die mit Unsicherheiten schlecht umgehen können, seien anfälliger. Studien gingen davon aus, dass bei 30 bis 50 Prozent der Menschen die Angst vor Erkrankungen steige, wenn sie im Internet danach suchen.

Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH Kaufmännische Krankenkasse haben 91 Prozent der Befragten schon einmal zu Krankheiten und Symptomen im Netz recherchiert – egal ob sie selbst betroffen waren oder jemand aus ihrem Umfeld. Rund ein Drittel gab an, sich so Arztbesuche zu sparen.

13 Prozent haben sich demnach schon einmal eine Selbstdiagnose gestellt. Unter den 16- bis 34-Jährigen sei es sogar jeder Fünfte gewesen (20 Prozent).

 

Von der Internetrecherche nach Symptome zu Morbus Google

«Wer im Netz nach Krankheiten und Symptomen googelt, macht erst einmal nichts falsch», sagt KKH-Psychologin Isabelle Wenck der Krankenkasse zufolge. «In den meisten Fällen verbessert dies sogar die eigene Gesundheitskompetenz – vorausgesetzt, die Informationen sind seriös und aktuell.»

Vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen könnten aber schnell in einen Teufelskreis geraten. «Das gilt insbesondere für diejenigen, die bereits eine konkrete Angst vor schweren oder unheilbaren Krankheiten haben.» In der Folge könne eine Cyberchondrie entstehen. «Diese zwanghafte Sucht nach einer Internetdiagnose wird auch Morbus Google genannt», erläutert Wenck.

Die Onlinesuche wirke dabei oft wie eine Art Brandbeschleuniger bereits bestehender Ängste: Betroffene surften viele Stunden am Tag nach passenden Erklärungen für ihre Beschwerden, zögen falsche Schlüsse, überdramatisierten ihre Symptome und stellten schlimmstenfalls dramatische Eigendiagnosen.

 

Wie Cyberchondrie auffällt

Auch Graf sagt: «Das Problem ist ja nicht das vereinzelte Nachschlagen von Erkrankungen im Internet, sondern dass daraus eine Angststörung und hypochondrische Angst werden kann.» Die Grenze sei fließend. «Irgendwann bekommt die Suche nach Krankheiten einen zwanghaften Charakter. In der Regel entwickeln die Betroffenen zwar einen Leidensdruck, werden aber dann häufig von anderen auf deren unbegründete Ängste angesprochen.»

Ärzten falle zum Beispiel auf, dass ihr Patient schon viele Mediziner vorab konsultiert habe und immer wieder an unauffälligen Befunden zweifle. Aber auch Freunde und Familie könnten ungewöhnliches Verhalten bemerken.

 

Experte hält auch KI-Anwendungen für problematisch

Im Grunde spricht laut Graf nichts dagegen, das Internet für Gesundheitsfragen zu konsultieren. Ärzte aber berücksichtigen bei Diagnosen auch Wahrscheinlichkeiten, etwa wie häufig eine Erkrankung in einem bestimmten Alter auftrete. «Diesen Kontext hat man häufig nicht, wenn man im Internet nach einzelnen Symptomen recherchiert. Dann landet man bei der Recherche über Kopfschmerzen innerhalb von drei Klicks beim Hirntumor, obwohl Spannungskopfschmerzen oder Migräne viel wahrscheinlicher sind.»

Zudem mahnt der Fachmann, mindestens 40 Prozent der Gesundheitsinhalte im Netz seien nicht verifiziert oder gar falsch. Insbesondere bei Krebs sei das der Fall, ergab eine systematische Auswertung Dutzender Studien.

KI-Anwendungen wie ChatGPT sind aus Grafs Sicht ebenfalls problematisch, weil diese ebenso ungefiltert auf Webinhalte mit nicht fundierten Angaben zurückgreifen könnten. «Die Informationen im Netz sind von sehr unterschiedlicher Qualität», sagt auch Wenck. Nur Fachleute könnten die Vielzahl an Ergebnissen fachgerecht deuten und richtig einordnen.

Hilfe bietet Betroffenen Psychotherapie. Medikamente werden laut Graf eher selten verabreicht. Mit Verhaltenstherapie könne man binnen 25 Sitzungen – auch ambulant – schon sehr viel erreichen. «Wichtig ist zunächst, nicht mit dem Patienten in die Diskussion zu gehen, dass er keine körperliche Erkrankung hat, sondern Strategien zu vermitteln, wie er auf Angst regieren kann.»

 

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