News
Landtagswahl: Fünf Gründe, warum die Wahl in Baden-Württemberg jetzt spannend wird

News Landtagswahl: Fünf Gründe, warum die Wahl in Baden-Württemberg jetzt spannend wird

Quelle: Christoph Schmidt/dpa
dpa

Auf den letzten Metern ein Kopf-an-Kopf-Rennen um das Erbe Kretschmanns: Die Grünen sind plötzlich fast auf Augenhöhe mit der CDU. Wie kann das sein? Und was hat das mit dem «Rehaugen»-Video zu tun?

Es sind nur Zahlen, aber sie stellen den bisher eher langweiligen Wahlkampf in Baden-Württemberg komplett auf den Kopf: Die Grünen von Cem Özdemir, viele Monate in Umfragen weit abgeschlagen hinter der eigentlich siegessicheren CDU, liegen plötzlich fast gleichauf mit den Konservativen. Deshalb wird der Wahlkampf in der heißen Phase noch richtig spannend:

1. Der Umfrage-Hammer

Der Vorsprung der CDU war zwar über die vergangenen Monate geschmolzen, galt aber wenige Tage vor der Wahl am 8. März weiter als kaum einzuholen. Dann veröffentlichen zwei Meinungsforschungsinstitute neue Zahlen, die es in sich haben: In der ARD-Befragung von Infratest dimap liegen die Grünen plötzlich bei 27 Prozent – nur einen Prozentpunkt hinter der CDU. Ende Januar lag der Abstand noch bei sechs, im Oktober noch bei neun Punkten. Im Oktober 2024 lag er sogar bei 16 Punkten.

Dass das Rennen um den Wahlsieg nun komplett offen sein dürfte, legt auch das ZDF-Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen nahe. Darin kommen die Grünen auf 25 Prozent, die CDU auf 27 Prozent.

Die veränderte Lage liegt nicht daran, dass die CDU viel schlechter dastünde als zuvor. Vielmehr haben die Grünen deutlich zugelegt.

2. Der Köpfe-Faktor

Ulrich Eith, Politikwissenschaftler an der Uni Freiburg, erklärt sich deren Aufholjagd mit der zunehmenden Bedeutung der Persönlichkeitswerte der Spitzenkandidaten – bei denen liegt Ex-Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir schon seit Beginn des Wahlkampfs klar vorn. «Das muss so sein, dass der Persönlichkeitsfaktor zunehmend eine Rolle spielt», sagte er. «Anders ist das nicht erklärbar.»

Als Partei präferierten viele Baden-Württemberger die CDU, aber als Ministerpräsident hätten die Menschen lieber Özdemir als den noch relativ unbekannten CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel. Das belegen auch die Umfragen: In beiden führt Özdemir bei der Frage, wen die Menschen lieber als Ministerpräsidenten haben wollen, sehr deutlich vor Hagel.

«Die Personalisierung des Wahlkampfs ist unglaublich stark», meint auch Politologe Joachim Behnke von der Zeppelin Uni in Friedrichshafen. «Es geht immer mehr um Köpfe – und Özdemir ist der populärste Kandidat.» Der habe sich im Wahlkampf extrem von seiner Partei abgegrenzt. «Die Grünen kommen nicht mal auf dem Plakat vor. Das ist ganz auf die Person zugeschnitten – und das scheint sich gelohnt zu haben.»

3. Das Hagel-Video

Liegt die Aufholjagd auch an Sprüchen über eine Schülerin mit «rehbraunen Augen»? Anfang der Woche postet eine grüne Bundestagsabgeordnete einen acht Jahre alten Clip in den sozialen Netzwerken, der CDU-Frontmann Hagel bei einem Interview zeigt.

Hagel, damals 29 Jahre alt und Landtagsabgeordneter, berichtet darin von einem Schulbesuch. In der Klasse hätten 80 Prozent Mädchen gesessen. «Also da gibt’s für 29-jährige Abgeordnete schlimmere Termine als diesen», sagt Hagel. Dann geht er auf eine Schülerin ein: «Ich werd’s nie vergessen, die erste Frage, sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen.» Diese Sätze sorgen nun für Wirbel – und heftige Kritik. «Der Einstieg für dieses Interview 2018 war Mist», räumte Hagel ein.

Die Umfragen wurden genau in dem Zeitraum erhoben, in dem die Debatte hochkochte. Inwieweit sie sich in den Prozentwerten niederschlägt, ist unklar. Vielleicht kostet sie Hagel aber auch in den nächsten Tagen noch Zustimmung. «Selbst wenn es nicht als schwerwiegender Makel empfunden wird: Es bleibt immer etwas hängen», sagt Politologe Behnke. Die Video-Sache könne die Grünen mobilisieren. CDU-Stammwähler seien dagegen eher fortgeschrittenen Alters und nicht auf diesen Plattformen unterwegs, die würden das nicht so stark wahrnehmen, erklärt Eith.

Auch die in den Umfragen weit abgeschlagene SPD muss mit einem Patzer ihres Spitzenkandidaten Andreas Stoch umgehen. In einem SWR-Porträt ist zu sehen, wie er ausgerechnet nach einem Besuch in einem badischen Tafelladen seinem Fahrer offenbar aufträgt, im benachbarten Frankreich Pastete einzukaufen. Auch wenn es zu dem Einkauf am Ende nie kam, sprach Stoch von einem «Fettnapf» und drückte sein Bedauern aus.

4. Strategisches Wahlverhalten

Experten halten auch strategisches Verhalten linksgerichteter Wähler für eine mögliche Erklärung des Aufwinds der Grünen. Denn die Linke hat verloren und muss mit 5,5 beziehungsweise 6 Prozent um den sicher geglaubten Einzug in den Landtag bangen. Die SPD kommt auf nur noch 7 beziehungsweise 9 Prozent.

Einzige realistische Regierungsoption bleibt aktuell eine Koalition aus Grünen und CDU, wie derzeit unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), der nicht mehr antritt. Das enge Rennen stellt die Machtfrage neu: Wer führt mögliche Gespräche? Wer hat Anspruch auf das Ministerpräsidentenamt? Eine grün geführte Regierung sei aus Sicht mancher SPD-Anhänger immer noch besser als eine CDU-geführte, meint Behnke.

5. Der Motivationsfaktor

Klar ist: Umfragen sind keine Wahlen. Die Fehlertoleranz ist hoch, nachlassende Parteibindungen und immer kurzfristigere Wahlentscheidungen erschweren den Meinungsforschungsinstituten die Gewichtung der Daten.

Auch Behnke sieht Umfragen mit Skepsis. Aber allein die Veröffentlichung der neuen Zahlen werde eine Wirkung entfalten, meint er. «Das mobilisiert die linke Seite besonders stark», sagt er. «Aber es kann auch der CDU nochmal Aufwind geben.» Es bleibt also spannend.

 

Weitere Nachrichten

Pilotprojekte im Regionalverkehr: Wie Bahnfahren sicherer werden soll

Mehr Präsenz im Zug: Mit Doppelbesetzungen und Bodycams wollen die Verkehrsunternehmen im Land auf körperliche Übergriffe reagieren. Nun stehen die Pilotstrecken fest.

Gefahrenabwehr: Baden-Württemberg will eigene Polizeidrohne entwickeln

Was steckt hinter dem Plan für eine eigene Hightech-Drohne – und warum ist China dabei ein Thema?

Brand in Gin-Destillerie in Karlsruhe: Auch Möbelgeschäft betroffen

Feuer in einer Gin-Destillerie in Karlsruhe: Auch ein Möbelgeschäft im Stadtteil Durlach wurde vom Brand erfasst. Die Feuerwehr hatte die Lage rasch im Griff.

Mutmaßlicher Drogendealer bunkert eine Million Euro Bargeld im Kreis Karlsruhe

Bei einer Wohnungsdurchsuchung in Oberhausen-Rheinhausen stößt die Polizei auf eine Million Euro Bargeld und Drogen. Was die Ermittler sonst noch fanden.

Erste Hürde genommen – Europa-Park will siebtes Hotel bauen

Bis zu 350 Zimmer mehr: Es gibt grünes Licht für die Planung rund um Deutschlands größten Freizeitpark. Warum Besucher aber noch Geduld brauchen.

Laut Studie: Männer hören Frauen im Landtag weniger aufmerksam zu

Dass Abgeordnete häufig mal aufs Handy schauen, kennen Beobachter des Landtags. Offenbar mache es aber einen gewissen Unterschied, ob vorne eine Frau oder ein Mann redet, wie eine Studie nun nahelegt.



















Auch interessant


Falls Ihnen inhaltliche Fehler oder Fehlfunktionen auffallen, einfach bei redaktion@meinka.de melden.