Corona in Baden-Württemberg
Leere Impfzentren, wartende Ärzte: stockt die Impfkampagne?

Corona in Baden-Württemberg Leere Impfzentren, wartende Ärzte: stockt die Impfkampagne?

Quelle: Marijan Murat

Geduld und Glück waren bislang gefragt, um einen Impftermin zu ergattern. Es gab Schlangen bei Impfaktionen, Hausärzte klagten und Impfstoff war eigentlich immer knapp oder gar nicht erst da. Das hat sich geändert. Stockt die Impfkampagne bereits?

Geduld und auch ein bisschen Glück waren bis vor wenigen Tagen noch gefragt, um einen Impftermin zu ergattern. Lange Schlangen bildeten sich in den ersten Monaten bei Impfaktionen, die Kritik war laut, Hausärzte stöhnten und Impfstoff war eigentlich immer zu knapp. Auch in Baden-Württemberg hat sich die Lage sechs Monate nach dem Start der Impfkampagne deutlich entspannt. Mehr noch: Termine bleiben ungenutzt, Impfzentren schließen und Personal muss gehen. Dabei ist erst etwa jeder Dritte voll geimpft. Stockt die Impfkampagne bereits? Und woran könnte das liegen?

IMPFINTERESSE

Es herrscht Flaute am Spritzentisch. «Wir bemerken in der Tat, dass der Run auf die Impfzentren und die Anmeldesysteme nachlässt», sagt eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums. «Die Lage hat sich gedreht», heißt es auch beim Landratsamt Ravensburg. «Seit dieser Woche haben wir viele freie Termine.» Auch die beiden Karlsruher Impfzentren werden nach Angaben der Stadt derzeit nur mit knapp 50 Prozent der geplanten Auslastung betrieben. Dabei sei die Nachfrage nach Impfterminen bis vor kurzem noch ungebrochen groß gewesen.

Flaute auch im Kreisimpfzentrum Meßstetten (Zollernalbkreis): «Bei uns bleiben neu eingestellte Termine zum Teil tagelang ungebucht, sie werden nicht in Anspruch genommen», sagt Anja Heinz, Sprecherin des Landratsamts. Die Zahl der Impfungen nehme zwar nicht ab. «Aber wir haben mehr Impfstoff und könnten mehr impfen.» Noch deutlicher wird es beim Blick nach Stuttgart. «Wir bieten derzeit am Tag 120 Astrazeneca-Termine an, 20 werden gebucht», sagt der Medizinische Geschäftsführer der Robert-Bosch-Krankenhaus, Marc Dominik Alscher. Mit dem Impfstoff habe das nichts zu tun. «Auch Biontech bleibt liegen.»

ZWEITIMPFUNGEN

In den vergangenen Wochen fanden fast ausschließlich Zweitimpfungen statt, freie Termine für Erstimpfungen gab es kaum. «Da die Zweitimpfungen nun zum größten Teil abgeschlossen sind, werden wieder viele Termine für Erstimpfungen frei», heißt es dazu im Ministerium. «Außerdem erhalten wir vom Bund diese und nächste Woche mehr Astrazeneca-Impfdosen.» Die «Welle» sei nun größtenteils «abgearbeitet», sagt auch Kai Sonntag, der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung. Der Impfstoff könne jetzt wieder stärker für Erstimpfungen genutzt werden.

HAUSÄRZTE

Laut und deutlich waren Klagen und Kritik der Hausärzte zu vernehmen in den ersten Wochen, in denen Impfungen auch von niedergelassenen Medizinern übernommen werden konnten. «Wir haben zu Beginn mitunter die Botschaft verkündet, es gebe keinen Impfstoff mehr, die Leute sollten nicht mehr anrufen», sagt KV-Sprecher Sonntag. «Nun haben wir in den kommenden Tagen erstmals die Situation, dass es genug Impfstoff gibt und keine Bestellgrenze nach oben.» Auch er kenne aber Beispiele von Ärzten, die zuletzt wegen fehlenden Interesses der Patienten auf Bestellungen verzichtet hätten.

SOMMERFERIEN

Ende des Monats beginnen in Baden-Württemberg die Ferien. Spät, im Vergleich zu den anderen Bundesländern. Zu früh dagegen für den einen oder anderen, der noch für eine Impfung in Frage käme. Denn wer derzeit die erste Spritze erhält, bekommt seinen zweiten Termin erst in vier oder sechs Wochen. Das durchkreuzt die eine oder andere Urlaubsplanung, heißt es unter anderem im Aalener Impfzentrum. Und auch eine Sprecherin der Stadt Karlsruhe vermutet in der Ferienzeit einen Grund: «Manche Impfwillige könnte das daran hindern, jetzt einen Termin zu buchen, wenn der Zweittermin in der Urlaubszeit liegt», sagte sie. Dehalb fordert Stuttgarts Klinik-Geschäftsführer Alscher auch kürzere Impfintervalle: «Wir müssen reduzieren auf drei oder vier Wochen zwischen den beiden Terminen, sonst schaffen wir es nicht rechtzeitig vor den Ferien.»

SICHERHEITSGEFÜHL

Fachleute haben schon vor Wochen vorausgesagt, Unentschlossene könnten nach einiger Zeit nur noch schwer von den Vorteilen einer Impfung überzeugt werden. Das scheint der Fall zu sein. «Manche Menschen denken offensichtlich, dass bei niedrigen Inzidenzen eine Impfung nicht mehr notwendig ist», sagt auch eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums. «Doch dieser Schein trügt.» Das Virus werde leichtes Spiel haben, «wenn wir ihm nicht mit einer größtmöglichen Durchimpfung die Stirn bieten». Markus Rose, Leiter des Impfzentrums des Klinikums Stuttgart, stimmt zu: Durch die Impfkampagne und die wiedergewonnene Freiheit scheine vielen Menschen eine Corona-Impfung nicht mehr so dringlich wie bisher. «Hier müssen wir als Gesellschaft alles tun, die aktuellen Impfangebote zu nutzen, möglichst viele Mitmenschen umgehend zu impfen und die Verbreitung des Virus zu stoppen.»

UNWISSEN

Ab einer bestimmten Impfquote sind wieder mehr Aufklärung über das Impfen und eine gezielte Ansprache notwendig, um Menschen vom Impfen zu überzeugen. Das Land will deshalb die Werbetrommel stärker rühren: «Wir bereiten Maßnahmen vor, um die Impfbereitschaft zu steigern und breiter fürs Impfen zu werben», sagt die Ministeriumssprecherin. Der Appell von Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) dazu ist eindringlich: «Die vierte Welle können wir verhindern. Wir haben es selbst in der Hand», sagte er.

SONDERAKTIONEN

In den Landkreisen versuchen die Behörden, mit besonderen Ideen weitere Menschen von einer Impfung zu überzeugen. Unter anderem im Kreisimpfzentren in Aalen wurden Sonderaktionen für Erstimpfungen ohne Voranmeldung angeboten. Das Ravensburger Impfzentrum warb bis Sonntag, 04. Juli 2021, für 1000 freie Termine. Und der Kreis Heidenheim geht stärker auf die Menschen zu: Terminvergaben waren zuletzt unter anderem vor Supermärkten in Heidenheim und Giengen geplant. Im Kreis sind laut Landrat Peter Polta erst 29,2 Prozent der Menschen vollständig geimpft, das sind deutlich weniger als die landesweite Impfquote von rund 34 Prozent.

 

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