News aus Baden-Württemberg
Unterrichtskritik: Lehrerverband VBE attackiert Ministerpräsident Kretschmann

News aus Baden-Württemberg Unterrichtskritik: Lehrerverband VBE attackiert Ministerpräsident Kretschmann

Quelle: Annette Riedl/dpa/Symbolbild
dpa

«Geht’s noch?» Lehrkräfte sind sauer, weil der Regierungschef Mängel bei der Qualität des Unterrichts sieht. Dabei sei der Grund für die Schwächen von Grundschülern doch sonnenklar – und daran ändere sich auch so schnell nichts.

Der Landeschef des Lehrerverbands VBE, Gerhard Brand, hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Streit um mehr Lehrkräfte an Grundschulen ungewöhnlich hart attackiert. Brand geht vor allem der Satz von Kretschmann gegen den Strich, die schwachen Resultate vieler Grundschüler bei der jüngsten Studie hätten nichts mit der Zahl der Lehrer, sondern mit der Qualität des Unterrichts zu tun. «Das war ein typischer Kretschmann: Erst sprechen, dann denken», sagte Brand der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart. Andersherum wäre es besser gewesen. Aber schon bei seinem jüngsten Vorstoß für mehr Teilzeit für Lehrkräfte habe sich der Regierungschef vergaloppiert und später klein begeben müssen.

Der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) monierte, der studierte Lehrer Kretschmann (74) habe offensichtlich nach Jahrzehnten in der Politik keine Ahnung vom Schulalltag mehr. «Er versteht davon, was heutzutage im Unterricht passiert, ungefähr genauso viel wie ein Ziegelstein vom Schwimmen.» Brand hält den Personalmangel an den Grundschulen für den Hauptgrund für das weitere Absacken der Leistungen. Er forderte Kretschmann auf: «Schaffen Sie erstmals die quantitativen Voraussetzungen, dann werden Sie sich wundern, wie qualitätvoll der Unterricht sein kann.» Derzeit sei die Lage an vielen Grundschulen so, dass wegen fehlenden Personals Klassen zusammengelegt und Stunden ausfallen müssten.

«Ich kann die Verärgerung von Herrn Brand absolut nachempfinden», sagte am Samstag der FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke. Anstatt bildungspolitische Fehler einzugestehen, beleidige Kretschmann mit seinen «wirren Aussagen» pauschal alle Grundschullehrkräfte. «Seit Jahren prägen grüne Ideologien die Schulpolitik in unserem Land, obwohl wir eine wirksame und an der Realität orientierte Bildungspolitik bräuchten.»

Brand beklagte mit Blick auf die Regierung weiter, man fahre ein «Notprogramm nach dem anderen». Die Corona-Pandemie sei immer noch nicht vorbei und dann seien die geflüchteten Kinder aus der Ukraine dazugekommen. «Ohne diese Notlagen haben wir schon zu wenig Personal.» Kretschmann hätte den Lehrkräften lieber mal für ihr Engagement danken sollen, statt die Qualität des Unterrichts zu kritisieren. Viele Lehrkräfte hätten auf die Äußerung des Regierungschefs mit der Frage «Geht’s noch?» reagiert. Was Kretschmann sage, sei «Blödsinn».

Der Verbandschef appellierte an Kretschmann und Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne), den Menschen in Baden-Württemberg reinen Wein einzuschenken, wenn es um die Leistungen der Grundschüler gehe. «Das wird sich in nächster Zeit nicht verbessern.» Der massive Lehrermangel werde sich wegen der Pensionswelle, die 2025 auf ihrem Scheitel sei, noch verschärfen. Die Zahl der Studienabgänger werde nicht ausreichen, um diese Lücke aufzufüllen. «Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir fünf bis zehn Jahre brauchen, um den Lehrermangel zu überwinden.» Die Politik müsse zugeben: «Wir kommen im Moment nicht weiter und wir können das Niveau nicht halten.»

Kretschmann hatte sich am Dienstag «tief beunruhigt» über die schwachen Leistungen vieler Grundschüler gezeigt, die eine neue Studie offengelegt hatte. Der Grünen-Politiker warnte jedoch davor, ständig nach mehr Lehrkräften zu rufen. Das sei «immer dieselbe Leier. Die hat mit dem Problem nichts zu tun». Es gehe nicht um die Zahl der Lehrkräfte, sondern um die Qualität des Unterrichts. Er erinnerte daran, dass das Land nach dem Absturz bei der Studie 2016 zwei wissenschaftliche Institute gegründet und eine Reihe von Maßnahmen ergriffen habe, um die Basiskompetenzen in Deutsch und Mathe zu stärken.

Brand sagte, die Institute seien seit ihrer Gründung im März 2019 noch keine echte Hilfe gewesen. Vor allem beim größeren Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) fehle noch viel, bis es rund laufe. «Der Ertrag ist noch nicht so, dass die Lehrer «Hurra» schreien.»

 

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