News aus Baden-Württemberg
Wiederbelebung 20 stillgelegter Zugstrecken wird geprüft

News aus Baden-Württemberg Wiederbelebung 20 stillgelegter Zugstrecken wird geprüft

Quelle: Bernd Weißbrod
dpa

Auf vielen stillgelegten Strecken im Südwesten ist das Interesse an Zugverkehr einer Studie zufolge so groß, dass sich eine Reaktivierung lohnen könnte. Dank Geld vom Land kommen nun die Planungen voran – doch es gibt noch einige Hürden.

Die Menschen in Baden-Württemberg können in vielen Regionen auf eine Wiederbelebung des Zugverkehrs hoffen. Wie das Verkehrsministerium in Stuttgart am Freitag mitteilte, laufen derzeit für 20 stillgelegte Bahnstrecke sogenannte Machbarkeitsstudien mit dem Ziel, die Strecken wieder in Betrieb zu nehmen. Mit dabei sind die früheren Verbindungen Schwäbisch Gmünd-Kirchheim unter Teck, Sigmaringen-Stockach und von Rastatt ins französische Roeschwoog Untersuchungen. Förderanträge für weitere Bahnstrecken würden derzeit noch geprüft. Das Land übernehme mit seinem Förderprogramm bis zu drei Viertel der Kosten, insgesamt stünden rund 1,6 Millionen Euro zur Verfügung.

Bei zwölf zusätzlichen Strecken wird nach Angaben des Ministeriums eine Reaktivierung schon «vertieft geplant», zum Beispiel bei der grenzübergreifenden Strecke Colmar-Freiburg und der Strecke Zaberfeld-Lauffen (Landkreis Heilbronn). Am weitesten sei derzeit die Hermann-Hesse-Bahn zwischen Calw und Weil der Stadt (Landkreis Böblingen). Dort sollen die Menschen vom kommenden Jahr an – etwa 40 Jahre nach der bisher letzten Fahrt eines Personenzugs – mit den S-Bahnlinien 6 und 60 an Stuttgart angebunden werden.

Im Fall der 20 Bahnstrecken, bei denen derzeit Machbarkeitsstudien laufen, werde eine Reaktivierung wohl noch deutlich länger dauern. Ergebnisse sollen bei einer «Großzahl» der Projekte bis Ende des laufenden Jahres oder Anfang 2023 vorliegen, teilte das Ministerium mit. Untersucht würden unter anderem mögliche Streckenverläufe, zu erwartende Kosten für Wiederaufbau und Betrieb sowie der wirtschaftliche Nutzen für die Region.

Die nächste Hürde sei dann der Nachweis der Wirtschaftlichkeit, für den weitere Planungen nötig sind. Erst wenn dieser Nachweis erbracht sei, könnten Bund und Land die Instandsetzung den Angaben zufolge mit bis zu 90 Prozent der Kosten fördern. Angesichts der vielen Machbarkeitsuntersuchungen sei davon auszugehen, dass einzelne Strecken an dieser Hürde scheiterten, teilte das Ministerium mit.

Dennoch sprach Landesverkehrsminister Winfried Hermann am Freitag von einer «Aufbruchstimmung» im Südwesten. «Das Interesse der Bürgerschaft von Kreisen und Gemeinden an unserem Förderprogramm ist überwältigend», sagte der Grünen-Politiker.

Der Landeschef des Verkehrsclubs Deutschland, Matthias Lieb, begrüßte die Ankündigung Hermanns. Entscheidend sei jedoch die Unterstützung vor Ort für eine Reaktivierung. «Während viele Kommunen die Eisenbahnreaktivierung als wichtiges Infrastrukturprojekt unterstützen, gibt es auch immer wieder Rückschläge». So habe jetzt der Gemeinderat in Bad Rappenau die Wiederbelebung der Krebsbachtalbahn abgelehnt.

Ist eine reaktivierte Strecke erstmal in Betrieb und die Nachfrage groß, übernimmt das Land nach Auskunft des Ministeriums die Kosten, damit dort mindestens einmal pro Stunde ein Zug fährt. Alles darüber hinaus müssten in der Regel die Kommunen selbst zahlen.

Im November 2020 hatte das Land eine Studie vorgestellt, der zufolge auf zwölf stillgelegten Strecken im Südwesten mehr als 1500 Fahrgäste pro Schultag zu erwarten seien. Auf weiteren 10 Verbindungen rechneten die Experten mit mehr als 750 Fahrgästen pro Schultag, bei wiederum 10 Strecken zumindest mit mehr als 500.

Insgesamt sei mehr als 30 der 42 untersuchten stillgelegten Bahnstrecken ein «relevantes Fahrgastpotenzial» bescheinigt worden, teilte das Ministerium mit. Beispiele wie die Schönbuchbahn in den Landkreisen Böblingen und Tübingen hätten zudem gezeigt, dass einige Strecken deutlich stärker genutzt würden als zunächst vorhergesagt. Die Schönbuchbahn sei daher inzwischen auch elektrifiziert, zudem seien dort mehr Züge unterwegs als direkt nach Betriebsstart.

Der FDP-Politiker Christian Jung sagte, es sei allerdings reichlich verfrüht, wenn Minister Hermann von einer Aufbruchstimmung spreche. «Was momentan gemacht wird, ist nichts mehr, als dass Wünsche zusammengetragen werden. Ich staune nicht schlecht, dass ohne ausreichende finanzielle Hinterlegung der Eindruck erweckt wird, als ginge alles.»

 

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