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Analyse: 20 Prozent plus x? Darum ist die AfD im Südwesten so stark

News Analyse: 20 Prozent plus x? Darum ist die AfD im Südwesten so stark

Quelle: Philipp von Ditfurth/dpa
dpa

Die Partei könnte bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg ein Rekordergebnis in Westdeutschland erzielen. Warum vor allem gesellschaftliche und wirtschaftliche Faktoren dabei eine Rolle spielen.

So hoch wie im Osten ist der Zuspruch zur AfD in Baden-Württemberg nicht. Aber wenn am Sonntag der neue Landtag gewählt wird, könnte es das erste westdeutsche Bundesland werden, in dem die Partei die 20-Prozent-Marke knackt. Um den Wert pendelte sie in jüngsten Umfragen.

Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt die AfD, die der Verfassungsschutz im Südwesten als rechtsextremistischen Verdachtsfall beobachtet, 19,8 Prozent der Zweitstimmen. Mehr als doppelt so viel wie 2021 und nur ein Prozentpunkt weniger als der bundesweite Wert. Damals legte die Partei auch in anderen westdeutschen Ländern zu. Aber warum ist sie gerade im Südwesten so stark?

Nach der Bundestagswahl machte das Institut für Rechtsextremismusforschung (IRex) an der Uni Tübingen deutliche Unterschiede zwischen eher ländlich geprägten (ruralen) und urbanen Regionen aus: «Die eher ruralen Gebiete rücken nach rechts, die urbanen Zentren bleiben weitgehend resilient.» Besonders gute Ergebnisse erzielte die AfD demnach etwa in Regionen des Schwarzwalds und auf der Schwäbischen Alb.

Diese Regionen seien oft traditionalistisch geprägt, sagt Rolf Frankenberger vom IRex. Wie keine andere Partei adressiere die AfD hier Themen wie traditionelle Familienbilder, Patriotismus, Fremden- und Homofeindlichkeit oder auch den Kampf gegen Windkraft sowie gerade in den Hochburgen der Autoindustrie das Verbrenner-Aus. Mit Sprüchen auf Plakaten wie «Dein Nachbar wählt uns auch» signalisiere sie zudem Normalität.

Gefragt nach der Stärke der AfD im Westen sagte Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach von der Uni Hamburg dem «Redaktionsnetzwerk Deutschland»: «Der Prozess der Transformation findet im Westen schleichender statt, als er im Osten stattgefunden hat, aber er ist eben spürbar.» Umbrüche seien zu spüren: Geschäfte stünden leer, Busse führen nicht, Industrien seien abgewandert.

AfD malt düstere Lage

Gerade die in Baden-Württemberg breit aufgestellte Autoindustrie schwächelt. AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier betonte in den Wahlrunden im SWR, die Regierenden seien schuld: «Die Probleme hier in Baden-Württemberg sind hausgemacht.» Es sei Zeit, etwas anderes zu wählen. Wenngleich derzeit ausgeschlossen ist, dass die AfD in Regierungsverantwortung kommt.

Ihr Wahlprogramm sei vom Ton eher negativ, haben Frank Brettschneider und sein Team der Uni Hohenheim analysiert. Der Zustand des Landes werde sehr düster gezeichnet, sagte der Experte für politische Kommunikation dem SWR. Neben Klassikerthemen wie mehr Abschiebungen setze die AfD etwa bei der Wirtschaft etwas andere Schwerpunkte: Neben Energiepreisen und Sicherung der Automobilindustrie gehe es etwa um Reisen von AfD-Politikern in die USA und nach Russland, um von dort wirtschaftliche Unterstützung zu bekommen.

Eine weitere Rolle für die Stärke der AfD spielen nach Frankenbergers Einschätzung christlich-fundamentalistische und anthroposophische Gruppen bis hin zu Anhängern von Verschwörungstheorien. Gerade in Württemberg hat der Pietismus, die evangelische Frömmigkeitsbewegung, viele Anhänger. «Je stärker wortgläubig Menschen sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie zu rechten Positionen neigen können», sagt Frankenberger. Ein Beispiel sei die Ablehnung von Vielfalt. Auch im Verfassungsschutzbericht ist die Rede davon, dass christlich-fundamentalistische Argumentationsmuster sich zunehmend mit extremistischen Inhalten rund um die Staatsfeindlichkeit vermischen.

Früher NPD und Republikaner im Landtag

Die AfD ist kein neues Phänomen, auch früher schon bekamen rechte Kräfte in Baden-Württemberg Zuspruch: Die NPD Ende der 1960er Jahre und die Republikaner in den 1990ern waren hier stärker als in anderen Regionen Westdeutschlands – und saßen im Parlament. Die «Querdenker»-Bewegung fand in Corona-Zeiten ihren Ursprung im Südwesten. Die «Reichsbürger»-Szene kommt laut Verfassungsschutz auf mehr als 4.000 Anhänger.

Es sind Beispiele für die Neigung zum Widerstand, die Baden-Württembergern nachgesagt und im Begriff des «Wutbürgers» manifest wird. Dabei ist das Spektrum der Themen breit: vom Bahnprojekt Stuttgart 21 bis zum zivilen Widerstand, der in den 1970ern den Bau eines Atomkraftwerks verhinderte.

Anders als bei der nordrhein-westfälischen Kommunalwahl kann die AfD in Baden-Württemberg seltener in Großstädten punkten. Die alten Industriestädte Pforzheim und Heilbronn sind hier Ausnahmen.

Hier adressiere die Partei die in ihren Augen etablierten Einwanderer wie Russlanddeutsche, sagt Frankenberger. «Es werden Flyer auf Kyrillisch und Türkisch verteilt.» Dieses Wählerpotenzial gebe es so in Ostdeutschland nicht.

Schub durch Gerichtsentscheidung?

Im Südwesten hat die AfD nach eigenen Angaben rund 8.600 Mitglieder. Im Landtag ist sie seit 2016, als viel über Flüchtlinge debattiert wurde. Sie wurde mit 15,1 Prozent aus dem Stand drittstärkste Kraft, sackte 2021 aber auf 9,7 Prozent ab und ist seither die kleinste Fraktion. Diese tritt laut Landeszentrale für politische Bildung in dieser Legislaturperiode «deutlich disziplinierter auf als in der Periode zuvor – wenn auch nicht unbedingt inhaltlich gemäßigter».

Eine Steilvorlage für die AfD könnte nach Einschätzung Frankenbergers nun die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Köln sein, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz die Partei vorerst nicht als gesichert rechtsextremistisch einstufen und behandeln und sie öffentlich auch nicht so bezeichnen darf. «Das könnte ihr nochmal zwei, drei Prozentpunkte bringen.»

 

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