News aus Baden-Württemberg
Grundschulempfehlung wird immer seltener von Eltern befolgt

News aus Baden-Württemberg Grundschulempfehlung wird immer seltener von Eltern befolgt

Quelle: Philipp von Ditfurth
dpa

Ob ein Kind eine Grundschulempfehlung zum Beispiel fürs Gymnasium bekommt, hängt in Baden-Württemberg von den Noten ab. Für viele Eltern ist die Entscheidung wegweisend – und in vielen Fällen folgen sie nicht dem empfohlenen Weg. Das zeigen auch jüngste Zahlen.

Sollen Eltern selbst entscheiden, wie es nach der Grundschule für ihr Kind weitergeht? Oder sollen sie, soweit es geht, der Empfehlung der Grundschullehrer folgen? Zwar lassen sich die überaus meisten Väter und Mütter bei der freiwilligen Entscheidung für einen Wechsel ihrer Kinder auf eine weiterführende Schule vom Eindruck der Lehrkräfte leiten. Aber der Anteil derer, die das Heft selbst in die Hand nehmen und gegen die Empfehlung stimmen, nimmt langsam, aber stetig zu.

So hatte etwa jedes zehnte Kind, das im vergangenen Sommer von der Grundschule auf ein Gymnasium gewechselt ist, dafür nicht die entsprechende Empfehlung, wie das Kultusministerium am Dienstag in Stuttgart mitteilte. Auch bei den Werkreal- und Hauptschulen sowie bei den Realschulen sind die Zahlen leicht gestiegen. Sie dürften die Debatte über eine verbindliche Grundschulempfehlung weiteren Schwung geben.

Insgesamt wechselten zum Schuljahr 2022/2023 rund 92.073 Schülerinnen und Schüler auf eine weiterführende Schule in Baden-Württemberg. Von diesen Jungen und Mädchen und ihren Eltern hatten sich 45 Prozent für das Gymnasium entschieden (plus 0,9 Prozentpunkte). Es brachten aber nur 89,3 Prozent von ihnen auch die Empfehlung für diese weiterführende Schulart mit (Vorjahr: 90,6 Prozent). Aus Sicht der Lehrkräfte hätten 1,1 Prozent lieber die Werkreal- oder Hauptschule besuchen sollen (Vorjahr: 0,9), 9,6 Prozent die Realschule (Vorjahr: 8,5).

Die Empfehlung wird in Baden-Württemberg zu Beginn des 2. Schulhalbjahres der 4. Klasse zusammen mit den Halbjahreszeugnissen ausgegeben und orientiert sich in der Regel an dessen Noten. Die damalige grün-rote Landesregierung hatte seinerzeit entschieden, dass die Empfehlung seit 2012/2013 nicht mehr verbindlich ist. Die Eltern können sich seitdem über sie hinwegsetzen und ihr Kind etwa auf ein Gymnasium schicken, obwohl es dafür keine Empfehlung hat.

Darunter leidet vor allem die Realschule. Nur gut die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler, die auf die Realschule wechselten, hatten eine Empfehlung für diese Schulart (53,5 Prozent). Bei der Werkreal- und Hauptschule liegt der Anteil bei 89,4 Prozent (89,9 Prozent).

Die Realschule habe eine Sandwichposition zwischen der Haupt- und Werkrealschule einerseits und dem Gymnasium andererseits, sagte Gerhard Brand vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) am Dienstag. «In der schulischen Praxis führt dies allerdings zu einer erheblichen Mehrbelastung der Lehrkräfte an der Realschule», kritisiert der VBE-Bundes- und Landesvorsitzende. «Sie müssen bis zu drei Leistungsniveaus gleichzeitig unterrichten und wenn Inklusionskinder in der Klasse sitzen, kommt sogar noch ein viertes dazu.» Eltern müssten besser beraten werden, vor allem, wenn ihr Wille von der Grundschulempfehlung abweicht.

Ähnlich sieht das Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne). Die Beratung der Eltern sei sehr wichtig. «Wir möchten dieses Beratungsangebot beim Übergang auf die weiterführende Schule weiter verbessern, indem wir die wissenschaftlich fundierten Lernstandserhebungen in der Grundschule erweitern», sagte sie. Mit einer besseren Datengrundlage solle Eltern und Lehrkräften bei der Entscheidung für die weiterführende Schule geholfen werden.

Die FDP sieht sich in den jüngsten Zahlen bestätigt. Sie fordert eine verbindliche Empfehlung. Studien zeigten, dass diese sozial gerechter sei, sagte der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Timm Kern. Grün-Schwarz dürfe die Augen vor dieser Entwicklung nicht verschließen. Die Liberalen wissen die Gymnasial- und Realschullehrer hinter sich. SPD, Grüne und auch die CDU sind aber dagegen.

Und so liest die SPD die Statistik auch völlig anders: Die Zahlen seien weitgehend stabil geblieben, sagte SPD-Schulexpertin Katrin Steinhülb-Joos. «Was wir brauchen, sind mehr Unterstützungsmaßnahmen für unsere Schulen, damit sie mit Heterogenität noch besser umgehen können», sagte sie weiter. Dazu gehörten mehr individuelle Fördermaßnahmen, zusätzliche Poolstunden und weitere Fortbildungsangebote für Lehrkräfte.

Das Gymnasium als Musterschüler, die Hauptschule in der letzten Reihe, das war keineswegs immer so. Die Rangfolge bei der Schulartwahl hat sich im Laufe der vergangenen Jahre aber deutlich verändert. Noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts war die meistgewählte Schulart mit gut 34 Prozent die damalige Hauptschule, das Gymnasium lag nach Angaben des Statistischen Landesamts mit knapp 34 Prozent ein ganzes Stück unterhalb des heutigen Niveaus. Im vergangenen Jahr ist der Anteil der künftigen Werkreal- und Hauptschüler erneut gesungen. Im Schuljahr 2022/2023 wechselten nur noch 5,3 Prozent der Grundschüler dorthin, 0,3 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. «Damit erreicht die Übergangsquote auf die Werkreal-/Hauptschulen einen Tiefststand», hieß es im Ministerium dazu.

 

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