Karlsruher Boxweltmeister im Interview
Halmich, Ottke & Feigenbutz – Drei Karlsruher über die Zukunft des Boxens

Karlsruher Boxweltmeister im Interview Halmich, Ottke & Feigenbutz – Drei Karlsruher über die Zukunft des Boxens

Interview
Quelle: TMC-Fotografie.de | Tim Carmele

Regina Halmich und Sven Ottke feierten große Erfolge! Vincent Feigenbutz will dagegen noch alles erreichen – doch der Stellenwert des Boxens ist in Deutschland gesunken. meinKA sprach mit den drei Karlsruhern über Gründe und die Zukunft des Boxsports.

Corona-Zwangspause – keine Kämpfe für Feigenbutz

Anders als die Bundesliga-Fußballer darf Vincent Feigenbutz noch nicht wieder auf Titeljagd gehen – es herrscht Corona-Zwangspause, wie bei so vielen Berufssportlern. Im Februar 2020 hat der 24-jährige Karlsruher seinen letzten Titelkampf absolviert, bei dem er sich trotz guter Leistung gegen den US-Amerikaner Caleb Plant in Nashville/Tennessee geschlagen geben musste.

Ob er in diesem Jahr nochmal im Ring stehen wird, ist derzeit aufgrund der weltweiten Corona-Pandemie völlig offen. Bereit dafür wäre er, denn trotz des derzeit fehlenden Trainers hält der Profi-Sportler sein Fitness-Level: „Ich arbeite mit einem Personal Trainer und trainiere mit Freunden und anderen Boxern.“

Während die Trainingssessions Corona-bedingt oft regional in die Karlsruher Natur verlagert werden, findet die Trainersuche auch international statt. Denn der Boxsport in Deutschland hat mit Regina Halmich, Sven Ottke und den Klitschko-Brüdern schon bessere Zeiten erlebt – dagegen bekommt der Sport in England oder den USA derzeit deutlich mehr Aufmerksamkeit.

 

Doch woran liegt das und welche Meinung haben die Karlsruher Boxer darüber? meinKA hat bei Regina Halmich, Sven Ottke und Vincent Feigenbutz nachgefragt!

 

„Der Boxsport hatte damals einen ganz anderen Stellenwert!“

Von 1995 bis 2007 war Regina Halmich ungeschlagene Weltmeisterin der WIBF und erlebte die Glanzzeiten des deutschen Boxens. „Boxkämpfe wurden damals noch bei den großen TV-Sendern übertragen. ARD, ZDF und RTL haben die Kämpfe sehr gut vermarktet. Dadurch hatte der Boxsport einen ganz anderen Stellenwert. Heute werden fast gar keine Kämpfe mehr im TV gezeigt, das ist ein großer Verlust für unsere Sportart“, erklärt die gebürtige Karlsruherin.

Ähnlich sieht das auch Sven Ottke: „Der Boxsport war damals sehr beliebt und hatte seine Hochzeit mit den Erfolgen von Henry Maske, Axel Schulz und meiner Wenigkeit – später dann noch mit Arthur Abraham.“ Ottke, der seit 1993 in der Fächerstadt wohnt, war zwischen 1997 und 2004 Profi-Boxer und gewann mehrere Weltmeister-Titel. Zudem konnte er als einziger deutscher Boxer, der unter Trainer-Legende Ulli Wegner in 34 Kämpfen ungeschlagen blieb, seine Laufbahn als amtierender Doppel-Champion beenden.

 

„Jede Furz-WM wurde übertragen & der Markt war einfach satt“

„Damals da haben die großen Fernsehsender das Boxen sehr viel gepusht – meiner Meinung war das fast zu viel, da lief jedes Wochenende Boxen. Folglich wurde fast jede ‚Furz-WM‘ im Fernsehen übertragen – da war der Markt irgendwann einfach satt“, erklärt Ottke.

Fakt ist, es ist deutlich ruhiger im deutschen Boxsport geworden und nicht nur die ehemaligen Boxer wie Halmich und Ottke wünschen sich wieder mehr Aufmerksamkeit für ihren Sport, auch die aktiven Profi-Boxer wie Vincent Feigenbutz, welcher breits mit 20 Jahren den Titel des WBA-Weltmeisters trug, würden gerne wieder bessere Zeiten erleben: „Der Boxsport sollte grundsätzlich mehr gefördert werden und die TV-Sender wieder mehr Werbung für Boxer machen, dann würde sich das Interesse der Menschen für das Boxen auch wieder steigern“, sagt Feigenbutz zur aktuellen Box-Situation in Deutschland.

Diese Meinung vertritt auch Regina Halmich, die es „großartig“ finden würde, wenn Kämpfe wieder verstärkt im TV gezeigt würden: „Nur dadurch bekommt der Boxsport eine große Reichweite und die Sportler werden dadurch bekannter und auch somit auch interessanter für Sponsoren und Werbepartner“, so Halmich.

 

Vincent Feigenbutz vs. Ceasar Nunez (.v.l.) | Quelle: TMC-Fotografie.de | Tim Carmele

 

Lösung: hochkarätige Kampfpaarungen & höheres Risiko?

„Die Kämpfe müssen spannender werden und gleichzeitig der sportliche Charakter mehr im Mittelpunkt stehen. Es sollte weniger eine Rolle spielen, welche Rekorde gesammelt werden oder ob eine Niederlage über eine komplette Karriere entscheidet – Niederlagen gehören einfach dazu und machen einen Boxer stärker“, erklärt Feigenbutz. Nervenkitzel vermisst auch Regina Halmich und fordert: „Die Promoter müssen auf hochkarätige Kampfpaarungen setzen, auch mal riskieren, dass der eigene Kämpfer verlieren kann. Gerade das macht den Boxsport ja so interessant!“

Gegen spannende Kämpfe hat Sven Ottke selbstverständlich nichts einzuwenden – doch fehlen in seinen Augen aktuell die richtigen Boxer dazu: „Es gibt immer Höhen und Tiefen – das ist ganz normal. In meinen Augen haben wir in Deutschland gerade nicht so viele Helden. Dominic Bösel ist derzeit unser einziger Weltmeister – und der ist noch nicht so richtig bei den Medien angekommen. Darum haben wir eben gerade eine Zeit, in der wenig los ist – doch das kann sich auch wieder ändern.“

 

Aktuell: Corona-Krise als Chance für den Boxsport?

Sportveranstaltungen fielen in den vergangenen Wochen aufgrund der Corona-Krise natürlich aus – doch erste Lockerungen, wie die Nutzung von Outdoor-Sportanlagen und auch die Wiederaufnahme des Bundesliga-Spielbetriebs, lassen auch die Boxsportler hoffen. „Im Ring stehen ja nur zwei Sportler, die negativ auf Corona getestet werden müssten – da ist der Aufwand natürlich geringer als bei Mannschaftssportarten“, erläutert Feigenbutz und hofft dabei auf eine baldige Rückkehr in den Ring.

Auch Regina Halmich drückt die Daumen, dass bald wieder die Fäuste fliegen: „Natürlich denke ich positiv und hoffe, dass die Boxer bald wieder in den Ring steigen dürfen. Wir haben im Moment eine sehr kritische Situation, viele Sportler wissen nicht mehr, wie sie ihre Miete zahlen sollen, weil sie kaum Rücklagen haben, und Sponsoren kündigen Verträge, weil sie selbst derzeit ums Überleben kämpfen“, weiß die Karlsruherin.

Dem stimmt auch Ottke zu, zeigt aber auch volles Verständnis dafür, dass die Fußballer vor den Individualsportlern wieder ran dürfen: „Fußball ist nun einmal Deutschlands liebstes Kind und gesellschaftspolitisch war die Fortsetzung der Bundesliga die richtige Entscheidung!“

 

| Sven Ottke, Regina Halmich und Arthur Abraham

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