News Im Trainingszentrum: So wehrt sich die Polizei bei Messerangriffen
Wie bereitet sich die Polizei auf gefährliche Einsätze vor? In Ravensburg steht das Training gegen Messerattacken im Mittelpunkt – mit nachgebauten Wohnungen und echten Szenarien.
Ein spitzer Schrei zerreißt die Stille der Trainingshalle. Polizisten stürzen aufeinander zu – der eine mit einem Gummi-Messer in der Hand, der andere mit erhobenen Armen in Abwehrhaltung. Die Bewegungen sind schnell, hart, routiniert. Ein gezielter Stoß, ein Ausweichmanöver, ein Griff an den Arm. Nur ein Übungseinsatz – aber jeder Handgriff könnte im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden.
Im neuen Einsatztrainingszentrum der Polizei Ravensburg üben die Beamten, wie sie im Ernstfall ihr eigenes Leben retten können. 1.100 «Waffenträger» sind bei dem Präsidium für diverse Landkreise zuständig. Streitigkeiten schlichten, Wohnungen durchsuchen, Personen kontrollieren: Das alles und noch vieles mehr gehört zum Alltag der Beamten – und wird in dem Zentrum trainiert.
«In der Routine lauert oft die Gefahr.»
Herzstück des Ganzen ist eine flexibel umbaubare Hausattrappe. Es gibt nachgebaute Wohnungen, ein Treppenhaus, eine Gaststätte – alles auch etwas eingerichtet, um es realer erscheinen zu lassen. Damit sich die Beamten nicht an die Räume gewöhnen, wird die Attrappe immer wieder umgebaut.
«Wir üben hier nicht nur ganz gravierende und gefährliche Lagen, sondern auch Alltagshandlungen, die man im Streifendienst häufig macht», sagt Polizeipräsident Uwe Stürmer. Diese Einsätze könnten aber auch schnell gefährlich werden. «In der Routine lauert oft die Gefahr.»
Ziel sei es, zu sensibilisieren und auf alle möglichen Situationen vorzubereiten, erklärt der erfahrene Beamte. «Dass sie nicht überrascht werden und Abstand haben.» Dafür müssten etwa die Rollen der Beamten klar verteilt sein. Die Einsatztrainer würden zeigen, wie schnell eine Routinesituation eskalieren könne.
Fokus auf Messerangriffe – kaum Zeit zum Reagieren
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Umgang mit Messerangriffen. Diese seien für Polizistinnen und Polizisten besonders gefährlich, sagt Einsatztrainer Marcus Haider, der seit mehr als 30 Jahren im Dienst ist und schon selbst eine Messerattacke erlebt habe: «Als Uniformträger darf man nie unbedarft sein.» Die Kollegen würden trainiert werden, so viel wie möglich gleichzeitig im Blick zu behalten. Ein schnelles Reaktionsverhalten sei essenziell.
Auch Notschüsse würden zu den Übungen gehören. Geschossen werde mit Farbmunition. «Auch wir sind Menschen und wollen abends zu unseren Familien heim», sagt Haider. Die Menschen seien insgesamt gewaltbereiter als früher. Das sei in den vergangenen Jahren deutlich spürbar geworden.
Angriffe auf Polizisten steigen
Die Zahlen belegen, wie relevant die Übungen sind: Im Jahr 2024 wurden laut Innenministerium mehr als 6.360 Gewalttaten gegen Polizeibeamtinnen und -beamte in Baden-Württemberg erfasst. «Dies stellt den absoluten Höchststand der Fallzahlen dar», erklärte eine Ministeriumssprecherin. Für das Jahr 2025 zeichne sich im Vergleich zum Vorjahr eine Stagnation auf dem genannten hohen Niveau ab.
Demnach gab es im Jahr 2024 mehr als 160 Messerangriffe auf Polizisten in Baden-Württemberg. Dies sind 49 mehr als im Vorjahr. Das Gros der Beamten werde leicht oder nicht verletzt. «Im Jahr 2024 ist jeweils ein tödlich sowie ein schwer verletzter Polizeibeamter aufgrund eines Messerangriffs zu beklagen», so eine Ministeriumssprecherin.
Streifenpolizistinnen und -polizisten müssen laut Vorschrift mindestens 40 Trainingsstunden pro Jahr absolvieren. Polizeipräsident Uwe Stürmer betont: Die Resonanz sei positiv, die Kolleginnen und Kollegen kämen gerne zum Training – es stärke ihr Sicherheitsgefühl im Einsatz.