Die Vergangenheit der Fächerstadt
Blick in die Geschichte: Früher Munitionsfabrik, heute Medienzentrum

Die Vergangenheit der Fächerstadt Blick in die Geschichte: Früher Munitionsfabrik, heute Medienzentrum

Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XIVf o0006

Im Vergleich zu anderen Städten ist die Geschichte von Karlsruhe recht jung – aber dennoch nicht weniger interessant! In der Historie unserer Fächerstadt verstecken sich nämlich so manche abenteuerliche und wissenswerte Ereignisse und Erzählungen.

Das ZKM – einzigartige Kulturinstitution

Das ZKM, das Zentrum für Kunst und Medien, in der Südweststadt zählt zu den bedeutendsten Museen weltweit. Es wurde im Jahr 1989 von der Stadt Karlsruhe und dem Land Baden-Württemberg als Stiftung des öffentlichen Rechts gegründet, um die klassischen Künste ins digitale Zeitalter fortzuschreiben. Seit 1997 befindet es sich in einem denkmalgeschützten Industriebau in der Lorenzstraße.

Im ZKM-Gebäude werden alle Medien und künstlerischen Gattungen vereint. In Ausstellungen werden Malerei, Fotografie, Film, Video, Medienkunst, Musik, Tanz, Theater und Performance gezeigt. Im Hertz-Labor wird neue Kunst geschaffen. Heute besuchen das ZKM rund 250.000 Menschen pro Jahr.

Ursprünglich sollte das ZKM in einem Neubau südlich des Karlsruher Bahnhofs zu finden sein. Aus finanziellen Gründen klappte das jedoch nicht. Die Wahl fiel dann auf das Gebäude, in dem es bis heute zu finden ist – die Hallen einer ehemaligen Waffen- und Munitionsfabrik. Das Gebäude besteht fast nur aus tragenden Pfeilern und Glas. Heute bieten zehn Lichthöfe mit einer Länge von über 300 Metern viel Platz für künstlerische Visionen. 

meinKA wirft einen Blick zurück auf die Geschichte des Gebäudes. 

 

Die HfG teilt sich die Räumlichkeiten des ZKM.

Die HfG teilt sich die Räumlichkeiten des ZKM. | Quelle: Thomas Riedel

 

Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik – die Anfänge

Gegründet wurde die „Patronenhülsenfabrik Henri Ehrmann & Cie“ 1872 vom Kaufmann Henri Ehrmann und den Brüdern Leopold und Wilhelm Holtz. Nur sechs Jahre später übernahm der Ingenieur Wilhelm Lorenz: Das Werk hieß von nun an die „Deutsche Metallpatronenfabrik Lorenz“, die 1878 auch ins Handelsregister eingetragen wurde. Wenige Jahre später erhielt die Firma die Genehmigung, scharfe Munition herzustellen – Maschinen ermöglichten die Massenproduktion.

Im Jahr 1889 wurde die Firma an „Ludwig Loewe & Co“ verkauft und es entstand – gemeinsam mit der Pulverfabrik Rottweil-Hamburg und den Vereinigten Rheinisch-Westfälischen Pulverfabriken – die „Aktiengesellschaft Deutsche Metallpatronenfabrik“. Sie belieferte nach 1889 das preußische Heer.

1896 wurde die Firma in „Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik“ (DWM) umbenannt und der Firmensitz nach Berlin verlagert. In der Zweigniederlassung Karlsruhe wurde aber weiterhin Munition hergestellt. Bis 1914 entwickelte sich die Aktiengesellschaft zu einem Unternehmen, das rund um das Produkt „Kriegsgerät“ eine nahezu lückenlose Palette bot.

 

Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik ZKM

Die Werkanlage von Nordwesten aus gesehen 1895 | Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XIVf o0004

 

Die DWM während des Ersten Weltkriegs

Nach dem Aufruf von Kaiser Wilhelm II. zur Mobilmachung am 6. August 1914 wurde die Produktion bei der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik ausgeweitet. Die Arbeiter in der Fabrik produzierten Munition, Handgranaten, Patronenhülsen, Nebelkerzen und Bombenzünder, außerdem Maschinengewehre und Mauser-Gewehre. Die Zahl der Arbeiter und Arbeiterinnen stieg extrem: 1915 waren es noch 6.000, nur ein Jahr später schon 9.000 – dabei mehr Frauen als Männer.

1915 erhielt der Architekt Philipp Jakob Manz den Auftrag, das Werk in der Fächerstadt zu erweitern. Von 1915 bis 1918 errichtete er auf einer Fläche von 62.000 Quadratmetern neue Fabrikgebäude. Nach seinen Plänen entstand auf einem Teil des Geländes der Fabrik der 312 Meter lange Hallenbau A mit seinen zehn Lichthöfen. Die Bauabnahme 1918 kam für die Rüstungsproduktion zu spät, Grund für die Verzögerung waren Lieferschwierigkeiten und Arbeitskraftmangel.

Mit dem Friedensvertrag von Versailles nach dem Ersten Weltkrieg war die Waffenproduktion in Deutschland untersagt. Ab 1922 nannte sich die Firma – um den Auflagen des Vertrags zu entsprechen – Berlin-Karlsruher Industrie-Werke AG und produzierte unter anderem Haushaltsgeräte. 1928 übernahm Günther Quandt die marode AG. Von 1928 bis 1980 war die DWM in Besitz der Familie Quandt, heute Großaktionär von BMW.

 

Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik ZKM

Luftbild mit einer Gesamtansicht der Werksanlage mit dem Hallenbau A 1929 | Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XIVf o0227

 

Die Waffen- und Munitionsfabrik im Zweiten Weltkrieg

Mit den Kriegsvorbereitungen der Nationalsozialisten wurde der Standort erneut für die Waffenproduktion aktiviert. Im Jahr 1936 kehrte dann auch der alte Name der Rüstungsproduktionsfirma zurück, ein offener Bruch des Versailler Vertrags. Bei einer Gedenkschrift zum 50-jährigen Bestehen der AG schrieb Quandt 1939 in der Jubiläumsschrift: „Daß diese Bemühungen zum Erfolge führten (…), verdanken wir aber allein der Initiative unseres Führers, der mit unbeugsamem Willen die Wiederertüchtigung und Wehrhaftmachung des deutschen Volkes durchführte.“

Tausende Zwangsarbeiter waren in der Fabrik unter menschenunwürdigen Bedingungen tätig. Über 4500 Menschen, die aus ihrer Heimat – überwiegend aus Polen und der Sowjetunion – verschleppt worden waren, wurden hier zur Arbeit gezwungen. Im Zweiten Weltkrieg war die Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken AG eine der größten Waffenschmieden in Süddeutschland.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden aus den Ruinen der DWM die heutigen Industriewerke Karlsruhe/Augsburg: 1949 wurde das Unternehmen unter Vorstand Harald Quandt in Industrie-Werke Karlsruhe AG umbenannt, 1970 fusionierte es mit der Kuka GmbH – aus den Anfangsbuchstaben des zugekauften Unternehmens „Keller und Knappich Augsburg“ – zur Industriewerke Karlsruhe-Augsburg. Aufgrund der Verlagerung der Produktion in die Peripherie der Stadt Karlsruhe lag das Gelände ab den 1970er-Jahren brach.

 

IWKA ZKM Munitionsfabrik

Blick auf den Block A der IWKA von der Straßenseite um 1987 | Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XIVf o0265

 

Die Entstehung des Zentrum für Kunst und Medien

Nach der Gründung des ZKM war man auch der Suche nach einem Standort. Aus Kostengründen wurde es nicht der geplante Neubau nahe des Hauptbahnhofs. Karlsruhe entschied sich schließlich für die Umnutzung des Hallenbau A. Das Gebäude lag auf dem ehemaligen Werksgelände der Industriewerke Karlsruhe Augsburg (IWKA) und trennte als Industriebrache im Südwesten die Innenstadt von den angrenzenden Stadtgebieten.

1993 erfolgte der symbolische Spatenstich. Die Lichthöfe des leerstehenden, denkmalgeschützten Gebäudes wurden von 1993 bis 1997 umgebaut, die Renovierung übernahm das Architekturbüro Schweger + Partner aus Hamburg. Das Medienmuseum wurde am 18. Oktober 1997 im Rahmen eines großen Festaktes eröffnet. Am 4. Dezember 1999 eröffnete das Museum für Neue Kunst in den Lichthöfen 1 und 2, in das sowohl das Museum für Gegenwartskunst als auch die ZKM-Sammlung eingingen.

Nach dem Tod des Gründungsvaters Heinrich Klotz wurde Peter Weibel 1999 zum Direktor des ZKM ernannt, das er bis heute leitet.

 

Peter Weibel ZKM

Peter Weibel, Künstler und Direktor des ZKM. | Quelle: Uli Deck/dpa

 

5 Fakten über die Waffen- und Munitionsfabrik

  • Die Deutsche Metallpatronenfabrik (seit 1897 Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik) war über lange Zeit der größte Arbeitgeber in der Karlsruher Industrie.
  • Obwohl nach den Plänen des Architekten Manz im Dezember 1914 nur acht Lichthöfe mit einem mittig gesetzten Wasserturm genehmigt waren, wurden dennoch zehn Lichthöfe ohne Wasserturm gebaut.
  • 1939 wurde die Gartenstraße in Karlsruhe in Günther-Quandt-Straße umbenannt und hieß so bis zum Jahr 1945.
  • Neben dem Haupteingang des ZKM ist seit der Eröffnung des ZKM am 15. Oktober 1997 eine Gedenktafel angebracht. Sie erinnert an die tausenden Arbeiterinnen und Arbeiter, die während des Zweiten Weltkriegs in der Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken AG und in weiteren Betrieben in der Stadt Zwangsarbeit verrichten mussten. In der ganzen Stadt waren es über 17.000 Arbeiter, mehr als 600 kamen in Karlsruhe ums Leben.
  • Im April 2008 lud die Stadt Karlsruhe ehemalige Zwangsarbeiter aus Polen ein. Dabei waren sie gemeinsam auch vor Ort im ZKM.

 

Gedenktafel ZKM

Nach der Enthüllung 1997: Zur Erinnerung an die 17.000 Zwangsarbeiter | Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XIVb o0908

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