News aus Baden-Württemberg
Corona und Kirchen: Zahl der Mitglieder geht weiter zurück

News aus Baden-Württemberg Corona und Kirchen: Zahl der Mitglieder geht weiter zurück

Quelle: Symbolbild/Patrick Seeger

Fast jedes Jahr verzeichnen die Kirchen in Baden und Württemberg bei den Austrittszahlen Höchststände. Nicht so im Corona-Jahr 2020. Geht es jetzt wieder aufwärts? Experten haben Zweifel. Und warum verlassen die Menschen eigentlich weiter in Scharen ihre Kirche?

Die Zahl der Kirchenmitglieder in Baden-Württemberg geht weiter stark zurück, wenngleich im Corona-Jahr 2020 deutlich weniger Menschen aus der katholischen und der evangelischen Kirche ausgetreten sind als im Rekordjahr zuvor. Viele von ihnen nennen eine innere Distanz zum Glauben und auch die Kirchensteuer als Motive für ihre Abkehr von der Glaubensgemeinschaft. Das hat eine Studie der württembergischen und der westfälischen Landeskirche ergeben. Die meisten Befragten hätten allerdings keinen konkreten Anlass für ihren Austritt genannt, teilte die Evangelische Landeskirche in Württemberg am Mittwoch in Stuttgart mit.

Und Zehntausende Austritte und Todesfälle hatten alle Kirchen in den beiden Landesteilen zu beklagen. So sank die Mitgliederzahl der württembergischen Landeskirche 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 2,2 Prozent auf etwa 1,914 Millionen Menschen. Der größte Faktor waren dabei die Todesfälle (29 237), sie nahmen im Vergleich zum Vorjahr um 4,3 Prozent zu. Dagegen ging die Zahl der Kirchenaustritte zurück: 20 593 Menschen traten aus der württembergischen Landeskirche aus – 14 Prozent weniger als 2019.

Im badischen Landesteil leben noch 1,093 Millionen Protestanten. Im Corona-Jahr seien 12 183 Menschen aus der Landeskirche ausgetreten (2019: 13 735), die Zahl der Kirchenmitglieder sank insgesamt um 22 689. Aber Geistliche geben sich trotz der Zahlen optimistisch. Gerade durch die digitale Präsenz in den Corona-Monaten habe sich die Kirche vielen wieder in Erinnerung gerufen, sagte Ann-Katrin Peters, Pfarrerin in Rheinstetten bei Karlsruhe. «Wir haben hier in Rheinstetten in diesem Sommer bereits mehrere Kircheneintritte gehabt, Menschen entscheiden sich proaktiv für unsere Kirche.»

Die weitgehenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens wegen der Corona-Auflagen haben sich im vergangenen Jahr auch in der deutlich sinkenden Zahl der Taufen, Trauungen, Erstkommunionen und Firmungen der katholischen Kirche gezeigt. Im Erzbistum Freiburg erklärten zudem 19 665 Menschen ihren Austritt (2019: 22 287). Insgesamt sank die Gesamtmitgliederzahl der Erzdiözese um 35 827 Gläubige auf rund 1,757 Millionen Menschen.

Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger äußerte sich besorgt: «Als Kirche sind wir eine Glaubensgemeinschaft, für die jede einzelne Katholikin und jeder einzelne Katholik einen wichtigen, einzigartigen Beitrag leistet. Deshalb schmerzt mich auch jeder einzelne Kirchenaustritt», sagte er. Der Kirche gelinge es nicht mehr, den Blick auf das Positive in der Kirche zu lenken, auf die Seelsorge und das karitative und sozialem Engagement.

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart verzeichnete im Jahr 2019 noch 21 861 Austritte, im vergangenen Jahr waren es 18 645 Frauen und Männer (minus 15 Prozent). Trotzdem blieben die Jahr für Jahr hohen Austrittszahlen für ihn «eine bittere Wahrheit», sagte Bischof Gebhard Fürst. «Wir dürfen das nicht einfach hinnehmen und müssen gegensteuern», forderte Fürst. Vieles, was in der Kirche geschehe, laufe den Bemühungen jedoch entgegen, kritisierte er. Der Großwetterlage in der Kirche und in der Gesellschaft könne sich eine Ortskirche leider kaum entziehen. Die Diözese hatte Ende des vergangenen Jahres noch 1,757 Millionen Mitglieder.

Krisen gelten eigentlich als «gute Zeiten» für Religionen, da sie dann als Sinnstifter gefragt sind. Doch die badischen und württembergischen Kirchen hüteten sich am Mittwoch davor, die Verlangsamung bei den Austrittszahlen als Trendumkehr zu bewerten. Der jüngste Rückgang in der Statistik ist zum Beispiel für Bischof Fürst nur eine Momentaufnahme: Für das laufende Jahr 2021 müsse wieder mit höheren Austrittszahlen gerechnet werden, sagte er.

Auch der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack glaubt nicht, dass die rückläufigen Austrittszahlen auf eine Renaissance der Kirchen hindeuten. Studien zeigten, dass für religiöse Menschen die Bindung an die Kirche in Krisenzeiten wichtiger werde, sagte Pollack. Für Menschen, die sich bereits vom Glauben und von der Kirche entfernt hätten, gelte das aber nicht. Im Gegenteil, für sie nehme die Bedeutung in der Krise sogar tendenziell noch ab. «Wenn man weit weg ist, kann einen die Krise auch nicht mehr zum Glauben zurückbringen», sagt Pollack.

Im Übrigen sei es so, dass Menschen im Krisenfall persönliche Lebensentscheidungen – und dazu gehöre im Prinzip auch der Kirchenaustritt – oft erst einmal zurückstellten. «Man schiebt es auf, weil man sich sagt: „Das kann ich auch später noch machen, jetzt hab ich erstmal Wichtigeres zu tun.“»

Aber warum drehen immer noch Zehntausende Menschen in Baden und Württemberg den Rücken zu? Nach der am Mittwoch veröffentlichten Umfrage der evangelischen Kirche ist der Kirchenaustritt meist das Ergebnis eines langen Entfremdungsprozesses. Viele Mitglieder sind vorher schon lange Zeit nur noch passiv gewesen. «Für mich ist es mit der Kirche wie mit einem Fitnessstudio, für das ich Beitrag zahle, aber nie hingehe», sagte einer der Befragten. Für die Studie wurden seit Oktober 2020 insgesamt 464 Telefoninterviews mit Menschen geführt, die im Vormonat ausgetreten waren. 61 Prozent der kontaktierten Personen waren zu einem Interview für die Studie bereit.

 

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