Corona in Baden-Württemberg
Intensivmediziner: Harter Lockdown und mehr Geld für Pfleger

Corona in Baden-Württemberg Intensivmediziner: Harter Lockdown und mehr Geld für Pfleger

Quelle: Sebastian Gollnow

Treffen mit Familie und Freunden während der Osterfeiertage hinterlassen ihre Spuren in den peu à peu in steigenden Zahlen bei den Corona-Intensiv-Patienten. Ein Experte fordert härtere Schritte – und mehr Gehalt für die stark belasteten Pflegerinnen und Pfleger.

Der baden-württembergische Koordinator für die intensivmedizinische Versorgung von Covid-Patienten fordert einen harten Lockdown, um den Druck auf die Kliniken zu vermindern. «Die Entwicklung ist besorgniserregend, weil wir Ende April voraussichtlich eine Belegung der Intensivbetten mit Covid-Erkrankten von 40 Prozent erreichen», sagte Götz Geldner, Ärtzlicher Direktor der Ludwigsburger RKH-Kliniken, der Deutschen Presse-Agentur. Jetzt kämen die «Osteropfer», Patienten, die sich bei Treffen über die Feiertage angesteckt haben. Angesichts von Personalengpässen regte er eine leistungsgerechtere Bezahlung von Pflegekräften an.

Etwa ein Drittel der Intensivbetten sei mit Covid-Patienten belegt. Die derzeit größte Gruppe, Menschen zwischen 45 und 65 Jahren, verweile auch länger auf den Stationen als die jüngere Altersgruppe. Deshalb werde es eng für andere Intensivpatienten und Notfälle, die um die 60 Prozent der Kapazitäten brauchten. Derzeit sei das Versorgungsniveau für die Patienten aber noch auf hohem Stand.

An härteren Maßnahmen zur Eindämmen der Infektionen werde man nicht vorbeikommen, betonte der Intensivmediziner. Dabei sollten die Einschnitte nicht mehr mit der Lage der Intensivversorgung begründet werden. «Das ist die schlimmste Folge der Pandemie – wir dürfen nicht warten, bis diese eintritt.» Aussagekräftig sei auch der R-Wert, der angibt, wie viele andere Menschen ein Infizierter ansteckt. Liegt er längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab. Als Beispiel für einen erfolgreichen Shutdown nannte er unter anderem Portugal mit den im Januar bezogen auf die Bevölkerungszahl zeitweilig höchsten Infektionszahlen weltweit; das Land hatte mit einer 24-Stunden-Ausgangssperre, allgemeiner Maskenpflicht und einer weitgehenden Homeoffice-Verpflichtung der Arbeitgeber die Lage in den Griff bekommen.

Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi fordert die Politik auf, die Maßnahmen nicht länger mit den Intensivbetten zu begründen. Diese seien kein geeigneter Indikator, da sich die Infektionszahlen erst nach mehreren Wochen in deren Belegung niederschlagen. Aus Sicht von Verdi besagt ein 85-Prozent-Belegung nicht, dass noch 15 Prozent der Betten mit optimaler Therapiemöglichkeit bereitstehen. Immer häufiger fehle qualifiziertes und erfahrenes Personal – besonders im intensivmedizinischen Bereich. Nach Daten des Divi-Intensivregisters sind von den rund 2417 betreibbaren Intensivbetten im Land rund 88,6 Prozent belegt.

Verdi-Gesundheitsexpertin Irene Gölz sieht das Klinikpersonal mit dem Rücken zur Wand. «Wir müssen jetzt so steuern, dass die Beschäftigten uns noch helfen können, wenn wir als Notfall in die Klinik eingeliefert werden.» Durch die Mutante habe sich die Situation auf den Stationen nochmals verschärft: «Jeder zweite beatmete Patient überlebt die Krankheit nicht.» Mehr als jeder zweite der rund 500 Intensivpatienten im Land wird laut Landesgesundheitsamt beatmet. Die Zahl der Beatmungsplätze ist laut Geldner je nach Klinik bis zu 92 Prozent ausgeschöpft.

Zwischen dem 1. und dem 11. April sind laut Koordinator Geldner 57 Patienten in Baden-Württemberg von einem Krankenhaus in ein anderes verlegt worden, zum einen wegen fehlender Plätze, zum anderen wegen der größeren Fachkompetenz und Ausstattung in einem anderen Haus.

Auch der Ludwigsburger Mediziner sieht den Hauptgrund für begrenzte Kapazitäten im Personal. Einerseits geben viele Pflegekräfte wegen der Belastung durch die Versorgung der schweren Covid-Fälle auf, andere gehen in die Zeitarbeit, weil dort höhere Gehälter als im öffentlichen Dienst bezahlt werden, wie Geldner im eigenen Haus erfahren musste. Er sprach sich für eine Bezahlung der Pflegekräfte aus, die die Versorgung Schwerstkranker honoriert.

 

Mehr zum Thema

Zurück zur Normalität: Corona-Impfung vor allem in Praxen

Vor fast zwei Jahren konnte man sich erstmals gegen das Coronavirus impfen lassen.

Corona-Isolationspflicht fällt ab Mittwoch weg

Corona-Infizierte müssen sich von diesem Mittwoch an in Baden-Württemberg nicht mehr in Isolation begeben.

Baden-Württemberg schafft Corona-Absonderungspflicht ab

Wer sich mit Corona infiziert, soll künftig nicht mehr in häusliche Isolation gehen müssen. Baden-Württemberg geht den Schritt gemeinsam mit drei weiteren Bundesländern.

Mindestens 76 Millionen Euro Schaden durch Corona-Betrug

Das Ausmaß des Betrugs mit angeblichen Corona-Testzentren ist massiv. In den vergangenen zwei Jahren bereicherten sich Betrüger in einer Vielzahl von Fällen mit Millionen von Euro.

Mediziner: Corona-Pandemie verliert an Kraft

Die Corona-Pandemie verliert nach Einschätzung des Freiburger Epidemiologen und Mediziners Hajo Grundmann an Kraft.




 

Logo meinKA

 

Anzeige

Jetzt meinKA als Werbe-Plattform nutzen!

Informieren Sie sich über Daten, Zahlen und Fakten rund um meinKA und die entsprechenden Werbeformen in unseren Mediadaten: jetzt Mediadaten anfordern.

Wir freuen uns über Ihr Interesse und beraten Sie gerne!

 


 













Auch interessant


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Daumen hoch, wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, oder zeigen Sie uns, dass wir uns verbessern können.

0%
0%

Falls Ihnen inhaltliche Fehler oder Fehlfunktionen auffallen, einfach bei redaktion@meinka.de melden.