Corona in Baden-Württemberg
Hausärzte: Nachfrage vor der Freigabe von Terminen sehr hoch

Corona in Baden-Württemberg Hausärzte: Nachfrage vor der Freigabe von Terminen sehr hoch

Quelle: Sven Hoppe

Ob Pforzheim, Karlsruhe oder Freiburg: Bei öffentlichen Impftagen hatte es zuletzt einen regelrechten Run gegeben. Die Warteschlangen zeigen, wie sehr sich die Menschen nach einem Corona-Schutz sehnen. Von Montag an gibt es weitere Chancen auf das Vakzin – theoretisch.

Vor dem Start der offenen Impfkampagne bei den Hausärzten ist das Interesse an Terminen für die von vielen ersehnte Spritze nach Ansicht des Landesverbands der Mediziner sehr groß. «Die Leute sind pandemiemüde, sie wollen diesen nächsten Schritt», teilte er am Mittwoch auf Anfrage mit. Allerdings stehe nach wie vor bei den meisten Ärzten nicht genug Impfstoff zur Verfügung. Komme dieser in die Praxen, erwarte er «einen großen Schritt in Sachen Impfung», sagte Berthold Dietsche, der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Baden Württemberg, der Deutschen Presse-Agentur.

Ab kommenden Montag soll die Impfstoff-Priorisierung bei niedergelassenen Ärzten in Baden-Württemberg für alle Impfstoffe aufgehoben werden. Das hat das Sozialministerium am Mittwoch bestätigt. Ärzte können dann nach eigenem Ermessen entscheiden, welche Patienten besonders dringend mit einem Corona-Vakzin geimpft werden müssen. Sie müssen sich nicht mehr an die vom Land vorgegebene Reihenfolge halten. Auch Bayern hat bereits angekündigt, diesen Schritt zu gehen.

In den Impfzentren bleibt die Priorisierung den Angaben nach erhalten, damit dort Menschen mit hohem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf oder mit hohem Ansteckungsrisiko auf jeden Fall zuerst geimpft werden. «Trotz einzelner Drängler impfen wir weiter erfolgreich die Schutzbedürftigen zuerst», erklärte Minister Manne Lucha (Grüne). Ab Montag zusätzlich impfberechtigt sind Menschen, die im Arbeitsalltag einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind.

Dazu zählen Mitarbeiter des Lebensmitteleinzelhandels, in Apotheken und Beratungsstellen, in der Wasser- und Energieversorgung, in Tafelläden, bei körpernahen Dienstleistungen, in Fahrschulen sowie Personen in besonders relevanter Position in Verwaltungen oder Justiz, bei der Bundeswehr, Polizei oder Feuerwehr, beim Zoll und Katastrophenschutz. «Dabei geht es allerdings nicht um die hierarchische Stellung, sondern um die Funktion im Unternehmen und die Ansteckungsgefahr», erläuterte das Ministerium. Auch wer regelmäßig ehren- und nebenamtlich im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe oder in Schulen Kontakt zu Kindern und Jugendlichen hat oder an Hochschulen tätig ist, kann sich nun impfen lassen. Gleiches gilt zum Beispiel für Saisonarbeiter, Pflegeeltern und Journalisten.

«Die Hausärztinnen und -ärzte können am besten einschätzen, welcher ihrer Patienten zum Beispiel wegen Vorerkrankungen oder betreuender Familienangehöriger eine Impfung nötig hat», sagte Dietsche zur Öffnung der Impfkampagne bei den Hausärzten. Viele Praxen hätten Wartelisten für ihre Patienten, die jetzt ohne Rücksicht auf die Priorisierung abgearbeitet würden.

Das Problem werde letztlich aber nicht die Frage sein, ob Astrazeneca oder Biontech in die Spritzen aufgezogen werde, sagte Verbandssprecher Manfred King. «Es muss erstmal genug Impfstoff da sein. Aber in der Regel haben die Hausärzte bislang nicht das bekommen, was sie erwartet haben.» Minister Lucha hatte den Bund wiederholt aufgefordert, mehr Impfdosen zur Verfügung zu stellen. Der Hausärzteverband hatte sich dem angeschlossen. Er vertritt nach eigenen Angaben rund 4100 Mediziner.

Erst vor wenigen Tagen hatte auch die Kassenärztliche Vereinigung die Patienten weiter um Geduld gebeten. «Die Aufhebung der Impfpriorisierung führt nicht dazu, dass jetzt auch alle schnell geimpft werden. Dadurch stehen nicht mehr Impfstoff und auch nicht mehr Termine zur Verfügung», hatte ein Sprecher gesagt.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisierte die Freigabe aller Corona-Impfstoffe in den Arztpraxen. Solange es nicht genügend Impfstoff gebe, setze die Politik mit einer solchen Entscheidung einen «Spaltpilz» in die Gesellschaft, sagte Vorstand Eugen Brysch der Deutschen Presse-Agentur. Die Entscheidungen in Baden-Württemberg und Bayern seien ein Beispiel dafür, «wie man sowohl den Impfdruck auf Ärzte erhöhen kann und Frust in der Gesellschaft schafft». Die Politiker seien weit weg von den Arztpraxen.

In Baden-Württemberg sind nach Angaben des Robert Koch-Instituts bisher 33,6 Prozent der Bevölkerung einmal gegen das Virus geimpft worden. Eine zweite Schutzimpfung, die bei den meisten Wirkstoffen nötig ist, haben 9,7 Prozent erhalten. Man gilt damit als vollständig geimpft (Stand 12. Mai, 14.00 Uhr). «Bei den über 60-Jährigen geht die Impfquote bereits auf die 70 Prozent zu, das ist ein großer Erfolg für die Pandemiebekämpfung», sagte Lucha. Ab Juni sollten die Impfstoffmengen an die niedergelassenen Ärzte steigen, dann würden auch Betriebsärzte nach und nach in das Impfen einbezogen, hieß es.

Allerdings gibt es gegen das Präparat des britisch-schwedischen Pharmakonzerns Astrazeneca teils auch Vorbehalte. Es wird nach dem Auftreten von Blutgerinnseln im Gehirn bei jüngeren Geimpften nur noch für über 60-Jährige empfohlen. Viele Jüngere würden sich aber gern damit impfen lassen, sie waren bislang in der Impfreihenfolge aber noch nicht dran.

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