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Neue Designer-Droge im Raum Karlsruhe entdeckt: Was man dazu wissen muss

News Neue Designer-Droge im Raum Karlsruhe entdeckt: Was man dazu wissen muss

Quelle: Marijan Murat/dpa
dpa

Cychlorphin gilt als hochpotente synthetische Droge: Schon kleine Mengen können zu schweren Vergiftungen führen. Was Fachleute zu Risiken und Schutzmaßnahmen sagen.

Vor ein paar Wochen ist im Raum Karlsruhe ein neues synthetisches Opioid aufgetaucht: Cychlorphin. «Eine hoch potente Designer-Droge», wie die Arbeiterwohlfahrt (Awo) Karlsruhe schreibt. Seither kursieren bundesweit Warnmeldungen. Denn die Gefahr ist groß: Todesfälle werden mit dem Stoff in Verbindung gebracht. Und es ist nicht der einzige Fall hierzulande.

 

Was ist Cychlorphin?

Cychlorphin (in der englischen Schreibweise mit E am Ende) zählt zu den sogenannten neuen psychoaktiven Stoffen (NPS). Das sind chemisch hergestellte Drogen. Sichere Daten gibt es noch nicht. Cychlorphin soll laut dem Laborverbund LADR aber 50- bis 200-mal stärker sein als Heroin.

Cychlorphin ist seit Anfang Dezember dem NPS-Gesetz unterstellt. Dieses soll die Verbreitung von NPS bekämpfen. Handeltreiben, Inverkehrbringen, Verabreichen sowie Herstellen von dort genannten NPS stehen unter Strafe.

 

Was ist in Karlsruhe passiert?

In zwei Urinproben von Patienten der Awo-Ambulanz und in einer sichergestellten Flasche sei Cychlorphin nachgewiesen worden. Es wird den Angaben nach als farbloses E-Liquid angeboten. «Die Patienten berichten, sie hätten Proben zum Ablecken auf die Hand geträufelt bekommen, prinzipiell ist aber auch ein inhalativer oder intravenöser Konsum naheliegend.»

Laut dem Facharzt und Einrichtungsleiter Christoph Stoll haben sechs Patienten vom Konsum berichtet. Drei hätten die Substanz über mehrere Tage oder Wochen eingenommen – oral, inhalativ, in einem Fall auch intravenös. Die Wirkung sei «gut» gewesen, Cychlorphin habe ein warmes euphorisches Gefühl gemacht, man habe auch gut «nodden» (wegdösen) können.

Verbreitet habe es wohl ein Mann, teilte Stoll mit. «Die Gefahrenlage war nicht einschätzbar, da es kaum valide Informationen zur Wirkstärke des Stoffes gab. Es waren aber Todesfälle in England berichtet worden.» Daher habe die Awo Mitte Dezember eine Warnmeldung verschickt. Diese verbreitete sich. Bei der Karlsruher Polizei ist Cychlorphin bislang kein Thema.

 

Gab es schon ähnliche Vorfälle?

Das Universitätsklinikum Freiburg hatte Ende September über einen schweren Vergiftungsfall berichtet, bei dem die Einnahme einer Tablette mit Cychlorphin beinahe tödlich geendet sei. «Die betroffene Person musste auf der Intensivstation behandelt werden.»

Beim Projekt NEWS (National Early Warning System) des Instituts für Therapieforschung (IFT) in München ist die Meldung aus Karlsruhe die erste zu einem Fall, bei dem absichtlich Cychlorphin in einer Gruppe von Personen konsumiert wurde, die teils Erfahrungen mit dem Konsum von Opioiden hatten.

Zudem seien gelbe Tabletten im Umlauf, die unter anderem Cychlorphin enthielten. «Tabletten gleichen Aussehens und gleicher Zusammensetzung stehen im Zusammenhang mit einem Todesfall», teilte Heiko Bergmann vom IFT mit ohne Details dazu zu nennen.

 

Wie gefährlich ist Cychlorphin?

Der Leiter der Forensischen Toxikologie des Instituts für Rechtsmedizin des Freiburger Uniklinikums, Prof. Volker Auwärter, warnte seinerzeit, Cychlorphin sei ein potentes Opioid. Anders als Benzodiazepine – verschreibungspflichtige Medikamente – könne es schon in geringen Dosen lebensbedrohliche Zustände auslösen. «Wir sehen diesen Fall als Zeichen einer besorgniserregenden Entwicklung an. In den letzten Jahren gab es in Deutschland eine deutliche Zunahme tödlicher Zwischenfälle durch synthetische Opioide.»

Der Verein Condrobs, der Suchtgefährdeten und -kran­ken hilft, schreibt, dass synthetische Opioide wie Cychlorphin schon in winzigen Mengen – im Mikrogramm-Bereich – wirken. Sie seien unter anderem auf sechs mal sechs Millimeter großen Papierfilzen, sogenannten Blottern, entdeckt worden. «Schon ein einzelner Blotter kann zu einer lebensbedrohlichen Intoxikation führen.»

 

Was droht dann?

Typische Symptome einer Überdosierung sind laut Condrobs verlangsamte oder aussetzende Atmung, Bewusstlosigkeit und Atemstillstand. «Besonders tückisch: Die Wirkung unterscheidet sich deutlich von LSD, was häufig zu Fehleinschätzungen und verspäteter Hilfeleistung führt.»

Fachleute warnen, dass es über den Verlauf einer Vergiftung aktuell keine gesicherten Daten gebe. Daher sei die Nachbeobachtung besonders wichtig.

 

Wer ist besonders gefährdet?

Condrobs nennt hier zum einen Menschen, die keine Erfahrung mit Opioiden haben und annehmen, LSD zu konsumieren. Eine andere Gruppe Gefährdeter seien Konsumenten von «Blottern». Denn Geruch, Geschmack und Aussehen liefern demnach keine verlässlichen Hinweise auf den tatsächlichen Wirkstoff.

Der Laborverbund LADR erklärt auf seiner Internetseite, dass Cychlorphin als alleiniges aktives Opioid in gefälschten pharmazeutischen Opioid-Präparaten nachgewiesen worden sei, die andere Stoffe enthalten sollten. «Dies erhöht das Risiko versehentlicher Überdosierungen, insbesondere bei Patienten in der Substitutionstherapie, die möglicherweise auf dem Schwarzmarkt nach zusätzlichen Opioiden suchen.» Diese müssten über die Gefahren gefälschter Medikamente und hochpotenter synthetischer Opioide aufgeklärt werden.

 

Was kann helfen?

Rettungsdienste, Notaufnahmen und andere mögliche Ansprechpartner müssen die neuen Entwicklungen in der Drogenszene auf dem Schirm haben, um überhaupt eine mögliche Cychlorphin-Vergiftung in Erwägung zu ziehen. Als Gegenmittel kann nach ersten Erkenntnissen das Notfallmedikament Naloxon helfen. Es seien allerdings – wie bei anderen hochpotenten Opioiden – mehrere Sprühstöße notwendig, heißt es beim NEWS-Projekt.

Fachleute sprechen sich zudem für sogenannte Drug-Checking-Angebote aus – also Stellen, bei denen Drogen legal auf Inhaltsstoffe getestet werden können. Diese müssen natürlich schnell über neue Stoffe im Umlauf informiert werden.

 

Wie ist die Lage in Karlsruhe heute?

«Seit Mitte Januar hören wir keine Berichte mehr von Cychlorphin-Konsum durch Patienten», teilte Awo-Facharzt Stoll mit. In toxikologischen Urinuntersuchungen sei auch kein Cychlorphin mehr nachgewiesen worden.

Allerdings sei der Stoff nur ein Beispiel. «Wir müssen damit rechnen, dass immer wieder neue synthetische Opioide entwickelt und vertrieben werden», so Stoll. «Durch die Verknappung von Heroin auf dem Schwarzmarkt besteht ein Interesse an solchen Substanzen.» Globalisierung und weltweite Vertriebswege  machten dies möglich. Aktuell berichtete das Toxikologische Labor LADR vom vermehrten Auftreten eines weiteren synthetischen mit Fentanyl verwandten Opioids: Methoxyacetylfentanyl. «Wir müssen wachsam und auf der Hut sein.»

 

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