News aus Baden-Württemberg
Neue Lösungen für Parkplatznot bei Lkw-Fahrern

News aus Baden-Württemberg Neue Lösungen für Parkplatznot bei Lkw-Fahrern

Quelle: Ralf Hirschberger
dpa

Einige Zehntausend Parkplätze für Lastwagen fehlen im Moment in Deutschland. Das führt mitunter zu lebensgefährlichen Situationen. Immer mehr Firmen bieten nun Hilfe an. Das soll die Zahl der Unfälle senken, aber noch weitere positive Nebeneffekte haben.

«Das größte Problem ist das Parken», sagt der Lkw-Fahrer. «Das ist das Grauen eines jeden Fernfahrers, weil du genau weißt, du kriegst keinen Parkplatz.» Er schildert seine Erfahrungen in einem Video von Kravag Truck Parking – Erfahrungen, die wohl jeder Kollege, jede Kollegin schon mehrfach gemacht hat. Die Folgen sind nicht nur für die Betroffenen relevant, die Lenkzeiten einhalten müssen: Gestresste oder übermüdete Fahrer verursachen leichter Unfälle. Und wild abgestellte Lkw sind ebenfalls ein Risiko.

Parkplatznot ist für die Branche seit Jahren ein großes Problem. In Zahlen ausgedrückt: Im vergangenen Jahr gab es nach Daten des Kraftfahrt-Bundesamts fast 3,3 Millionen Lastwagen in Deutschland (Stand 1. Januar) – im Vergleich zum Vorjahr vier Prozent mehr. Laut Kravag Truck Parking fehlen pro Nacht mehr als 20 000 Parkplätze an den deutschen Autobahnen. Prof. Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), geht sogar von 30 000 bis 35 000 aus. Die vorhandenen Parkplätze seien mit in der Spitze bis zu 290 Prozent deutlich überlastet. «Die Fahrzeuge stehen dann kreuz und quer.»

Ein Ansatz zur Lösung ist, dass Firmen ihre Gelände als Stellfläche anbieten. Das Verkehrsministerium Baden-Württemberg zum Beispiel hat bei einer Umfrage unter Unternehmen und Privatleuten acht mögliche Flächen im Land ausgemacht, die zu Stellplätzen werden könnten. Bei einem Gespräch mit dem Bundesverkehrsministerium solle die neue Autobahn GmbH noch im Januar mögliche Pilotprojekte übernehmen.

Das Bundesministerium hatte jüngst Pläne veröffentlicht, wonach der Bau neuer Lkw-Parkplätze an Autobahnen vor allem durch private Investoren über vier Jahre mit insgesamt 90 Millionen Euro gefördert werden soll. Ziel ist ein Förderstart noch im ersten Halbjahr 2021.

Das Modell gibt es auch schon: Betriebe bieten ihr Areal anderen Unternehmen an, die ihre Lkw dort nachts abstellen können. Ein junger Anbieter für die Vermittlung ist Kravag Truck Parking, ein Projekt der Wiesbadener R+V Versicherung. Seit Juni können Fahrer oder ihre Arbeitgeber per App Parkplätze reservieren, wie Co-Projektleiter Tim Baumeister erklärt. Sieben Euro koste ein Platz – davon gingen fünf an das Unternehmen, das den Parkplatz anbietet, und zwei an Kravag fürs Vermitteln. Knapp 30 Standorte gibt es schon, über 200 sollen es werden. Noch gebe es zwar nicht jede Nacht etliche Buchungen, sagte Baumeister. «Aber es ist im Werden. Der Markt entwickelt sich.»

Ein anderer Anbieter ist Bosch Secure Truck Parking mit einem Netzwerk aus rund 50 Lkw-Plätzen in Deutschland, Österreich, Belgien, Frankreich, Luxemburg und den Niederlanden. «Die nächsten Markteintritte werden in Ost- und Südeuropa stattfinden», teilte eine Sprecherin mit. Parkareale in guter Lage – also nahe der Autobahn – und stark frequentierten Gebieten hätten eine hohe Auslastung.

Hier lege der Grundstückseigentümer den Preis fest, erläutert die Sprecherin. In Deutschland reiche der Tagessatz von 5 bis zu 30 Euro bei Hochsicherheitsarealen. Bosch Service Solutions biete den Firmen an, die Gelände mit Sicherheitstechnik wie Schranke, Umzäunung und Videoüberwachung samt virtuellen Wächterrundgängen auszurüsten.

Beide Anbieter stellen sicher, dass zum Beispiel Sanitäranlagen vorhanden sind. Auch ein Einzelhandelsgeschäft soll in erreichbarer Nähe oder ein Lieferservice verfügbar sein, sagte Baumeister von Kravag. «Lkw-Fahrer sind dann nicht auf Selbstversorgung mit dem Gaskocher angewiesen.» Das ist aus Sicht des Verbands BGL auch wichtig, um den Beruf des Fernfahrers attraktiv zu halten. In Deutschland fehlten um die 16 000 Fahrer, sagte Engelhardt. Probleme gebe es inzwischen aber auch in Polen, Rumänien und Bulgarien. «Wenn sich nichts ändert, dann steuern wir auf einen Verkehrskollaps zu», sagte Engelhardt. Der BGL unterstützt daher Kravag Truck Parking.

Dass sich die R+V Versicherung bei dem Thema engagiert, erklärt Baumeister mit der Tochtergesellschaft Kravag, die große Teile der Logistikbranche versichere. Hieraus resultierten Know-how und Kontakte. Zudem habe das Projekt auch für die Versicherung Vorteile: Wenn Fernfahrer planbar wüssten, wo sie parken können, müssten sie nicht stundenlang suchen, gerieten nicht in Stress. «Wenn Sie einen ausgeschlafenen Fahrer haben, ist das Unfallrisiko natürlich geringer – für ihn selbst, aber auch für alle anderen Verkehrsteilnehmer», sagte Baumeister in Bezug etwa auf Auffahrunfälle an Stau-Enden.

Neue Stellplätze zu errichten, kostet laut BGL-Experte Engelhardt im Schnitt 50 000 bis 60 000 Euro. Ein vorhandenes Betriebsgelände aufzurüsten sei mit rund 21 000 Euro deutlich günstiger. Das Ganze sei auch vor dem Hintergrund wichtig, dass die Bahn derzeit gar nicht in der Lage sei, alle Güter zu transportieren – was sich angesichts des Kaufverhaltens der Menschen auch nicht alsbald ändern werde. «Wollen wir uns dieses Konsumverhalten weiter leisten, müssen wir uns als Bundesrepublik zum Lastwagen bekennen.» Jedoch scheiterten die Parkplatz-Vorhaben weniger an Investitionen, so Engelhardt. Vielmehr wehrten sich immer wieder Bürgerinitiativen gegen solche Projekte.

Kaum begeistert klingt auch der Verband Spedition und Logistik Baden-Württemberg. Manche mögliche Flächen lägen abseits stark genutzter Routen, erklärte Geschäftsführer Andrea Marongiu. «Auch die Idee, auf bestehenden Speditionshöfen Parkplätze zu schaffen nach der Idee «Airbnb für Lkw-Parkplätze», stößt bei den Betreibern aus Sicherheits- und hygienischen Gründen auf wenig Gegenliebe.»

Gut läuft es nach seiner Einschätzung nahezu nirgends in der Republik – «mit Ausnahmen des Nordosten und Nordwesten, Regionen außerhalb der Hauptrouten». Schwierig sei die Situation besonders in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hessen.

 

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