Der Dschungel in der Karlsruher Weststadt
Von Pflanzen & Followern – Karlsruher Student Kevin Qiu ist „Plantfluencer“

Der Dschungel in der Karlsruher Weststadt Von Pflanzen & Followern – Karlsruher Student Kevin Qiu ist „Plantfluencer“

Quelle: Kevin Qiu

„Plantfluencer“ und Student Kevin Qiu hat rund 300 Pflanzen in seiner Wohnung und über 30.000 Follower auf Instagram. Mit meinKA sprach er über die Vor- und Nachteile der Community, über Umzüge mit Pflanzen und darüber, was die Avocado wirklich braucht.

Der Traum vom Avocado Bäumchen

Die wichtigste Frage zuerst: Welche Chance gibt es für den Avocadokern im Wasserglas, der in zahlreichen jungen und jung gebliebenen Haushalten im Küchenfenster steht? „Dass der Stängel und die ersten Blätter zunächst so schnell wachsen, liegt daran, dass der Kern der Avocado so fett ist“, sagt Kevin Qiu.

„Irgendwann ist die Energie aus dem Kern aber aufgebraucht, und dann kann daraus nur etwas werden, wenn die Pflanze sehr viel Licht bekommt. In einem Wintergarten könnte es klappen, in den meisten Wohnungen eher nicht“. Ohne Wintergarten wird’s also auch bei Kevin nichts mit der Avocado, dafür aber mit den rund 300 anderen Pflanzen, die er in seiner 31 Quadratmeter großen Karlsruher Wohnung hält.

 

| Quelle: Kevin Qiu

 

Vom Gartencenter zum Indoor-Jungle

Kevin ist, wie es auf Instagram so schön heißt, ein „Plantfluencer“ – jemand, der Zimmerpflanzen zum Hobby hat und sich gerne mit anderen darüber austauscht. Los ging es mit ein paar Topfpflanzen, die ihm seine Mutter 2015 zum Einzug in die Karlsruher Wohnung schenkte. Dann kam der Balkon dran, der natürlich auch nicht kahl bleiben durfte, sondern zum Paradies für Bienen und Insekten wurde.

Als Kevin auffiel, dass seine vier Wände wirklich tolle Lichtverhältnisse hatten, war das Schicksal seiner Wohnung als Indoor-Jungle endgültig besiegelt. Nun sind die Pflanzen überall, in großen Töpfen oder kleinen Marmeladengläsern, als Ranken an der Decke oder auch: ein bisschen im Weg.

„Dass ich jetzt erst mal ein paar Pflanzen zur Seite räumen muss, um an mein Klavier zu kommen, ist natürlich schon eine kleine psychische Barriere, die mich vom Üben abhält“, gesteht er. Sonderlich viel Arbeit macht der heimische Dschungel aber nicht. Wenn die Pflanzen einmal ihr passendes Plätzchen gefunden haben, kommen sie gut allein zurecht, vom gelegentlichen Umtopfen oder Aufbinden mal abgesehen.

Damit Kevin nicht ständig gießen muss, hat er Bewässerungsanlagen gebaut, die mehrere Wochen vorhalten. Die Pflege der Pflanzen ist also gar nicht mal der größte Teil – ein wichtiger Aspekt ist auch die Pflege des Netzwerks.

 

| Quelle: Kevin Qiu

 

Die Community wächst – und das ist toll…

Die Pflanzen, die Kevin sucht, sind längst nicht mehr im normalen Gartencenter erhältlich. Dafür braucht er Kontakte, die ihm Ableger von eigenen Pflanzen schicken können, mit ihm tauschen wollen oder ihrerseits wieder jemanden kennen, der jemanden kennt. So kam Kevin etwa an seinen „Ficus Deltoidea“, ein Gewächs aus Südost-Asien, das ihm sehr am Herzen liegt, „weil es damals so schwer war, ihn zu bekommen“.

Die Pflanzencommunity im Internet ist in den letzten drei bis vier Jahren extrem gewachsen, auch Kevins Account hat mittlerweile mehr als 30.000 Follower. Das hat natürlich einige Vorteile: So kennt Kevin in jeder größeren europäischen Stadt, die er besuchen möchte, andere Pflanzenliebhaber, die Platz für ihn auf dem Sofa haben. Oder er kennt Mitarbeitende in den dortigen Zoos und botanischen Gärten, die ihn mit hinter die Kulissen nehmen.

 

bulbophyllum rothschildianum | Quelle: Kevin Qiu

 

„Plantfluencer“ – leider auch recht teuer

Es gibt aber auch Schattenseiten. Zwischenzeitlich hat Kevin sogar überlegt, Instagram zu verlassen, die ersten zwei Jahre Pflanzensammeln haben ja schließlich auch ohne geklappt. Es sei einfach so viel Drama. Auf die Nachfrage, wie man sich Drama unter Hobbygärtnern vorstellen darf, sagt Kevin: „Naja, seltene und begehrte Pflanzen kosten Geld. Und wo Geld ist, ist immer auch Neid“. Denn wie das so läuft mit Angebot und Nachfrage, ist die steigende Anzahl von Pflanzensammlern auf Instagram nicht spurlos am Markt vorbeigegangen.

Je schwieriger zu haben, desto begehrter die Pflanze – und umso höher der Preis, den Händlern dafür verlangen können. So tummeln sich auf den Plattformen nicht nur aufrichtige Pflanzen-Nerds auf der Suche nach einem ganz besonderen Liebhaberstück, sondern auch Medien-affine Menschen, die mit den Fotos ihrer Errungenschaften beeindrucken wollen.

Pflanzensammeln (und zu präsentieren!) ist, nicht zuletzt in den Corona-Monaten, fast schon Mainstream geworden. Trotzdem möchte Kevin diesen Ansatz nicht verteufeln. „Es ist voll okay, mit populären, bekannten und unkomplizierten Pflanzen als Einstiegsdroge zu beginnen, denn das bringt mehr Menschen in das Hobby, die dann hoffentlich ihre eigene Nische finden.“

 

| Quelle: Kevin Qiu

 

Langer Atem, Optimismus & ein Transporter

Spätestens an der Pflanzenschutzverordnung von 2020 dürften sich jene, denen die Pflanzen ein Anliegen sind und die, denen es dann doch nicht so ernst ist, voneinander trennen. Denn Pflanzen außerhalb der EU dürfen nicht mehr ohne weiteres eingeflogen werden. Die Kontrolle, der Transport, der Papierkram, all das kann bis zu 500 Euro kosten – und eine Garantie auf sichere Ankunft gibt es nicht. Ob es ihm schon mal passiert sei, dass eine solche Pflanze unterwegs zu ihm „eingegangen sei“? „Ja, das passiert oft“, sagt Kevin – man braucht wohl einen langen Atem und eine optimistische Grundnatur.

Wenn Kevin nicht gerade Plantfluencer ist, ist er Student der Elektrotechnik. Das Thema seiner Masterarbeit hat mit Pflanzen absolut nichts zu tun, dennoch sind sie ein Thema, wenn es darum geht, wie es weitergehen soll. In der nächsten Zeit möchte er innerhalb Karlsruhes umziehen, und wer schon einen gewöhnlichen Umzug lästig findet, der stelle sich das einmal mit einem halben Dschungel vor. „Vermutlich werde ich einfach einen Transporter mieten und Pflanzen hin und her fahren, ungefähr eine Woche lang.“

 

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