Corona in der Fächerstadt
Unis und Hochschulen stellen sich auf digitales Semester ein

Corona in der Fächerstadt Unis und Hochschulen stellen sich auf digitales Semester ein

Quelle: Caroline Seidel

Die neuen Corona-Maßnahmen stellen auch die Hochschulen im Land vor neue Herausforderungen. Präsenzlehre wird noch seltener – nicht ohne Folgen, wie Hochschulvertreter betonen.

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) hat die Universitäten und Hochschulen im Land auf ein Semester mit noch weniger Präsenz eingestimmt. Die kurzfristig notwendige Reduktion des Präsenzbetriebes auf das absolut notwendige Minimum sei unumgänglich, teilte die Ministerin am Freitag in Stuttgart mit. Es sei unumgänglich, die Kontakte aller drastisch zu reduzieren, damit die Infektionswelle jetzt gebrochen werde.

Online-Lehre sei damit bis Ende November die Regel. «Präsenz kann es nur geben, wo es epidemiologisch verantwortbar und zwingend erforderlich ist, um eine erfolgreiche Durchführung des Studienverlaufs im Wintersemester sicherzustellen», sagte die Ministerin laut einer Sprecherin. Zu möglichen Veranstaltungen in Präsenz zählen aus Sicht des Ministeriums insbesondere Prüfungen, Laborpraktika, praktische Ausbildungsanteile oder Präparierkurse, etwa im Medizinstudium.

Die Hochschulen hatten in den vergangenen Monaten viel Zeit und Arbeit in Lehrkonzepte gesteckt, um ein Semester im Digitalen wie auch in Maßen in Präsenzform ermöglichen zu können. Ministerin Bauer warb angesichts der nun anstehenden Einschränkungen um Verständnis. Sie danke allen Hochschulverantwortlichen und Lehrenden, die mit größtem Engagement und Sorgfalt ihre Planungen für das Wintersemester bereits erstellt hätten und diese nun in einer weiteren Kraftanstrengung nochmals kurzfristig ändern müssten. «Ich wünsche mir sehr, besonders für die Erstsemester, dass das Infektionsgeschehen dann im Dezember wieder mehr Präsenzveranstaltungen und direkte Begegnungen zulässt, denn Hochschule und Studium kommen auf Dauer nicht ohne das aus.»

Die Hochschul- und die beiden Landesbibliotheken sollen unter Einhaltung besonderer Schutzmaßnahmen auch im November geöffnet bleiben und so das wissenschaftliche Arbeiten laut Ministerium weiter ermöglichen.

Die Universitäten im Land werden ihren Betrieb nun entsprechend anpassen. Der Vorsitzende der Landesrektorenkonferenz der baden-württembergischen Universitäten, Stephan Dabbert, teilte mit, die Universitäten hätten Verantwortung für ihre über 160 000 Studierenden und ihre vielen tausend Forschenden, Lehrenden und Mitarbeiter. Schon deshalb, aber auch aus Verantwortung für die Gesellschaft insgesamt, täten sie alles, um die weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen. Die Vorgabe, die zwischenmenschlichen Kontakte um mindestens 75 Prozent zu reduzieren, würden sie dabei deutlich übererfüllen.

Der erneute Digitalbetrieb der Lehre sei für viele ihrer Mitgliedergruppen schmerzlich, sagte Dabbert, der Rektor der Universität Hohenheim ist. «Das gilt in besonderem Maße für die Erstsemesterstudierenden, für die derzeit kaum Möglichkeiten bestehen, den Semesterbetrieb direkt vor Ort zu erleben.» An der Universität Hohenheim hatte es etwa am Donnerstag nur vereinzelt Einführungsveranstaltungen in Präsenzform für neue Studierende gegeben.

Auch die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) sehen sich vor einem fast ausschließlich digitalen Wintersemester. Einige Hochschulen im Land, die sich in besonders betroffenen Gebieten befänden, seien den Schritt zur rein digitalen Lehre bereits vorsorglich vor dem nun gefällten Beschluss des Wissenschaftsministeriums gegangen, teilte der Geschäftsführer der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften Baden-Württemberg, Benjamin Peschke, mit.

Der Vorstand der HAW-Rektorenkonferenz, Bastian Kaiser, betonte aber, dass ein Hochschulbetrieb ohne Präsenz, mittlerweile im zweiten Semester in Folge, nicht ohne erhebliche negative Folgen bleiben werde. «Die konkreten Folgen für die Kompetenz- und für die Persönlichkeitsentwicklung der jungen Leute werden wir erst nach und nach beurteilen können. Wir tun, was wir können (…), aber die in diesem Lebensabschnitt besonders wichtigen sozialen Kontakte, Erfahrungen und den Erwerb der damit verbundenen Kompetenzen, können wir digital nicht vollständig ersetzen.»

Die hochschulpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Gabi Rolland, sieht vor allem die Studierenden durch die erschwerten Bedingungen geschwächt: «Die Qualität der Lehre wird ohne Präsenzveranstaltungen leiden», teilte sie am Freitag mit. Viele Studierende hätten zudem existenzielle finanzielle Sorgen. Rolland forderte deshalb die Fortführung des Nothilfefonds und die anteilige Übernahme des Beitrag für das Semesterticket vom Land. «Angesichts der fehlenden Präsenzveranstaltungen werden die meisten Studierenden das Semesterticket ohnehin nur wenig nutzen.»

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